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Sterbebilder erzählen – „Tot ist nur, wer vergessen wird“
Eine Ausstellungstafel ist den starken Frauen der Tiroler Gemeinde Obsteig gewidmet. Foto: Knut Kuckel
Eine Ausstellungstafel ist den starken Frauen der Tiroler Gemeinde Obsteig gewidmet. Foto: Knut Kuckel

Sterbebilder erzählen – „Tot ist nur, wer vergessen wird“

„Tot ist nur, wer vergessen wird“, mahnte Gemeinderätin Sabine Ortner zur Begrüßung ihrer Gäste. Vom Chronik-Team in Obsteig wurden vor diesem Hintergrund rund 500 Sterbebilder aus den Jahren von 1872 bis 2018 zusammengetragen.

Mit der Ausstellung sollen Menschen geehrt werden, die in der Tiroler Gemeinde Obsteig Spuren hinterlassen haben. Unterschiedliche Tafeln setzten Akzente. In Sterbejahren organisiert und gewidmet (u.a.) im speziellen dem Larchhof, der Burg Klamm, Schneggenhausen, dem Fremdenverkehr, populären Wirtshäusern und engagierten Frauen.

Die dreitägige Ausstellung im Stadel Schneggenhausen wurde am Freitag, dem 27. September 2019 eröffnet und ist nur noch bis Sonntag, 29. September zu sehen. Öffnungszeiten von 9 bis 17 Uhr.

„Der Ideengeber zu unserer Ausstellung war Hansjörg Bader aus Hall mit seinem Buch »Sterbebilder – Vom Gebetsaufruf zur Erinnerung«“, erzählt Sabine Ortner im Gespräch mit #tirolbayern.

Der heute 70jährige Dr. Hansjörg Bader war Bibliothekar des Tiroler Volkskunstmuseums in Innsbruck. Für sein Buch untersuchte Bader Tausende Sterbebilder. „Die Sterbebilder erzählen Ortsgeschichten, eignen sich zur Ahnenforschung und sind nicht zuletzt auch begehrte Sammlerobjekte.“ Das habe die Chronisten aus Obsteig motiviert, ebenfalls auf Spurensuche zu gehen, so Ortner.

Dazu sagt Hansjörg Bader: „In gut 200 Jahren, in denen es Sterbebilder in Tirol gibt, hat sich deren Gestaltung und Funktion sehr stark verändert. Nachdem sie vor etwa 50 Jahren fast von der Bildfläche verschwunden waren, erleben sie heute anscheinend eine Wiedergeburt.“

Die Gemeinde Obsteig zählt aktuell über 1340 Einwohner und gehört politisch zum Bezirk Imst des österreichischen Bundeslandes Tirol. Obsteig ist die westlichste Gemeinde am Mieminger Plateaus, oberhalb des Oberinntals. Mit Blick auf die Mieminger Berge.

Bürgermeister Hermann Föger lobte zur Ausstellungseröffnung sein Chronik-Team. „Die haben vor ein paar Jahren die Arbeit unseres früheren Dorfchronisten Hubert Stecher wieder aufgenommen und sich seither in zeitgemäßer Weise mit der Geschichte unserer Gemeinde beschäftigt. Damit Jung und Alt erreicht.“

Unter den Zuhörern waren u.a. auch die Bürgermeister der Nachbargemeinden. Hermann Föger begrüßte aus Mieming Dr. Franz Dengg und aus Wildermieming Klaus Stocker. Die Politiker zeigten offensichtliches Interesse am Obsteiger Weg.

Die Vorbereitungen zur Ausstellung wurden vom ganzen Dorf unterstützt. Sabine Ortner: „Hilfreich beim Einstieg war das Totenbuch der Gemeinde Obsteig. Rund 500 „Obstoager Leit“ stehen drin. Sie prägten unsere Gemeinde.“ Die Überlassung der Sterbebilder, meist aus privatem Besitz, verdiene großen Respekt. „Das ist verständlicherweise eine sehr sensible Angelegenheit, das war uns immer bewusst“, so Sabine Ortner.

Aus den Sterbebildern erfuhr man früher wie heute, wer die Toten im realen Leben waren. Auch und vor allem, was sie beruflich gemacht haben. Darunter finden sich – für den ländlichen Raum nicht überraschend – viele Bauern. Aber auch Postmeister, Schneidermeister, Pfarrer, Mesner, Schmiede, Tischler, Sägewerker, Zimmerer, Baumeister, Förster, Imker und Gastwirte. Unter den Berufsangaben finden sich auch eher ausgefallenere Tätigkeiten wie der Wünschelrutengeher oder der Harfenmacher. Und auch – ob man es nun glaubt oder nicht – ein Nordpolfahrer.

Der „Nordpolfahrer“ war Johann Haller – von 1872 bis 1874 auf Expedition. Haller lebte von 1844 bis 1906 und verdiente seinen Lebensunterhalt als kaiserlich-königlicher Förster. 

Nicht wenige Sterbebilder lassen Rückschlüsse auf die Charaktereigenschaften der Verstorbenen zu. Johann Riser erblickte am 23. Dezember 1889 das Licht der Welt und starb am 25. September 1980. Drei Monate nach seinem Tod, an Heiligabend hätte er noch seinen 91. Geburtstag feiern können. Das war ihm nicht mehr vergönnt. Seine Hinterbliebenen vermerkten auf seinem Sterbebild: „Sein Leben war Ehre und tapfere Pflicht, war Liebe und Güte oft selbstlos und schlicht.“

Starke Frauen gab es auch schon immer in Obsteig. Die Ausstellung lässt in diesem Zusammenhang u.a. auch die Hebammen des Dorfes hochleben. Darunter Filomena Rappold, Katharina Wolff, Josef Falbesonder, Aloisia Rappold, Maria Hann und Maria Katharina Gassler. Die meisten Obsteigerinnen und Obsteiger verdanken wohl einer dieser Geburtshelferinnen ihr Leben. Sie haben ihrem Dorf – nicht nur im übertragenen Sinne – im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte auf die Beine geholfen.

Eine starke Frau war sicherlich auch Justina Sonnweber, Hausname „Stöckl“. Sie lebte von 1837 bis 1905, war Bäuerin und Krämerin. Justina führte mit ihrem Mann die vielleicht erste Krämerei in Obsteig. Später einen Laden beim Postmeister und schließlich bei Barbara Gabl eine Gemischtwarenhandlung. Ihr Sohn, Mathias Sonnweber (der „Stöckl Hiasl“), war Vorsteher (heute heißt das Bürgermeister) von Obsteig. Von 1912 bis 1922.

Als „Weißlerin“ machte sich Maria Höpperger einen Namen. Maria, Hausname „Tobian“, lebte von 1890 bis 1966 und war in ihrer Zeit Expertin für das Ausmalen der Häuser. Dazu benutzte sie Schablonen und Musterwalzen für Ornamente und farbige Verzierungen. Ihr Ansuchen um das Botengewerbe wurde abgelehnt. Marias Bruder, Joseph Höpperger, war von 1927 ab Besitzer des ersten elektrisch betriebenen Sägewerkes in Obsteig.

Chronist Toni Riser steht vor der Tafel „Schneggenhausen“ und erklärt seinem interessierten Publikum, welche Berühmtheiten darauf präsentiert werden. „Schaut mal hier, das ist das Bild unseres früheren Postmeisters Josef Föger.“ Die Heimatzeitung schrieb seinerzeit, etwas Vergleichbares wie sein Begräbnis habe man noch nie zuvor in Obsteig erlebt. Da waren alle da. Mit und ohne Rang.

„Des Postmeisters Vereine, allen voran die Musikkapelle, der Kirchenchor und die Feuerwehr. Der Josef half bei der Kirchenrenovierung und bei der Beschaffung der Glocken. Sogar die St. Josefsglocke läutete im Hintergrund mit ihrem hellem Klang zur Grabrede des Pfarrers.“ Josef Föger brachte es auf stattliche 87 Jahre. Viele Obsteiger wurden damals über 90 Jahre alt. Nachzulesen ist auch das im Totenbuch der Gemeinde.

Schneggenhausen selbst war und ist Teil der Geschichte Obsteigs, hat sie seit Jahrhunderten mit beeinflusst. Das frühere Gut Schneggenhausen, aus vormals kaiserlichem Besitz, war in zeitgeschichtlich jüngerer Vergangenheit u.a. das ehemalige Postamt. Seither bei den Obsteigern bekannt, als das Haus „beim Postmeister“. Das blieb es bis zum Neubau des Gemeindehauses im Jahre 1980. Die Gemeinde-Chronik vermerkt: „Das Postamt Obsteig wurde am 20. Juni 1871 gegründet und am 24. Juni 2005 geschlossen.“

Für das „Haus Schneggenhausen“ stehen bekannte Obsteiger Namen, die sich u.a. in der Sterbebilder-Ausstellung wiederfinden. Darunter der legendäre Lehrer Franz Gassler, der seiner Gemeinde und Pfarre stolze 61 Jahre lang als Lehrer, Organist und Mesner diente. Er löste im Jahre 1867 das Lehen aus kaiserlichem Besitz ab. Franz – so ist in der Chronik nachzulesen – hatte drei Töchter, von denen eine, die Agnes, den Löwenwirtssohn Ingenuin Föger heiratete. Bis vor kurzem trugen daher viele Besitzer den Namen Föger. Ingenuin Föger brachte im Haus Schneggenhausen die Poststelle unter. Das Gasthaus „Löwenwirt“ musste dem Neubau eines Supermarktes weichen.

Das Haus Schneggenhausen – gegenüber der Kirche – wurde 2003 von der Gemeinde Obsteig gekauft und  von 2018 bis 2019 restauriert. Es wird zum Wohnen und als Kinderhort genutzt. Das Anwesen ist seit vielen Jahrhunderten ununterbrochen bewohnt und bewirtschaftet. Ein erster Eintrag über das Anwesen findet sich im Stamser Urbar von 1336. In einem Vermerk zu lesen ist, das „Chunrads Sohn von Snekkenhusen“ dem Stift für sein Seelenheil einen Geldbetrag spendierte.

In den landesfürstlichen Lehenamtsbüchern im Tiroler Landesarchiv findet sich das direkt vom Landesfürsten vergebene Lehen Schneggenhausen neben zahlreichen anderen bekannten Ansitzen und Burgen in Nord- und Südtirol. Die erste schriftliche Belehnung eines Mannes mit Schneggenhausen stammt aus dem Jahr 1425, es folgten weitere Eintragungen in den Büchern bis zum Jahr 1867.

Die ausgestellten Sterbebilder im somit legendären Stadel Schneggenhausen offenbaren die wechselhafte Geschichte Obsteigs. Das interessiert auch ortsfremde Besucherinnen und Besucher.

Die Ausstellung bietet sehr viel Hintergrundinformation zum Thema „Sterbebild“. Hansjörg Bader schreibt in seinem Buch: „Die ursprüngliche Aufgabe von Sterbebildchen war der Aufruf zum Gebet. Hinterbliebene konnten für den Verstorbenen dessen Zeit im Fegefeuer verkürzen, indem sie durch Gebete einen Ablass in unterschiedlicher Länge bewirkten.“

Bader dokumentierte die Entwicklung von zur Herstellung der Sterbebilder von 1871 bis heute: „In Zeiten zunehmender Digitalisierung sind gedruckte Sterbebilder noch immer wertvolle Medien zur Erinnerung. Auch für Menschen mit schwächerer religiöser Bindung.“

Nicht zuletzt unterliegen die Sterbebilder einem historischen Wandel. Ulrike Fink hat sich in ihrem Beitrag für den ORF-Tirol damit beschäftigt. Sie schreibt: „Seit mehr als 200 Jahren transportieren die Sterbebilder neben der Religion auch politische Propaganda. Heute verdrängen allerdings zeitgenössische Kunst und Individualität die Religion auf dem Sterbebild.“

Vor gut 50 Jahren wären Sterbebilder in Tirol fast ausgestorben. In der Heute-Zeit feiern sie erfreulicherweise eine Renaissance. Der Grund ist leicht zu verstehen, meint Hansjörg Bader: „Werden für einen Verstorbenen nur wenige Dutzend Bilder bestellt, ist das für Druckereien nicht wirtschaftlich. Die übliche Auflage liegt meist zwischen 20 und 100 Bildern.“

„Wir würden uns freuen“, sagte Chronistin Sabine Ortner, „wenn sich unserem Engagement auch andere Gemeinden anschließen würden. Mit der Analyse von Sterbebildern lässt sich nämlich sehr gut die Entwicklung der Gemeinden dokumentieren. Wir leisten damit außerdem einen Beitrag gegen das Vergessen.“

Die Obsteiger Chronisten möchten bei ihrer Spurensuche weitermachen. „Einer unserer Planungsgedanken wäre ja vielleicht auch ein Buch“, verrät Sabine Ortner am Ende eines erfolgreichen Ausstellungstages. „Dafür brauchen wir aber viel Unterstützung. In jeder Hinsicht. Interessierte dürfen sich uns zur Verwirklichung der Idee gerne anschließen.“

Reichlich Applaus bekamen Margit Offer, Margit und Peter Reich für ihren spontanen Liedvortrag zur Ausstellungseröffnung. Die Idee dazu kam von Peter Reich, der gemeinsam mit Margit Offer im Chor singt.

Warum bist du gekommen
Wenn du schon wieder gehst,
Hast mir mein Herz genommen
Und wirfst es wieder weg,
Ich bin kein Bajazzo,
Bin auch ein Mensch wie du,
und leise schlägt mein Herz dir zu.

„Irgendwie passt das Lied zur Ausstellung“, meinte Sabine Ortner.

Margit Offer zum Hintergrund: „Die Opernfigur aus dem Bajazzo von Leoncavallo war möglicherweise der Ideengeber für das beliebte, mittlerweile zum Volkslied gewordene Lied «Warum bist Du gekommen«. Lorenz Maierhofer hat zu diesem Ohrwurm ein eindrucksvolles Chorarrangement geschrieben, das Sänger und Publikum immer wieder begeistern kann.“

Von den Besuchern war viel Zustimmung zur Sterbebilder-Ausstellung im Stadel Schneggenhausen zu hören. Dieser Einschätzung schließt sich #tirolbayern gerne an und gratuliert allen, vor und hinter den Kulissen, zu der sehr gut präsentierten Ausstellung.

Lob und Anerkennung geht insgesamt an das Chronikteam der Gemeinde Obsteig. Das sind neben Leiterin Sabine Ortner, Hannes Faimann, Herbert Krug, Toni Riser, Klaus Rieser und Martha Witsch.

Aus den privaten Sammlungen von Johannes M. Faimann und Klaus Rieser stammen die meisten Ausstellungsobjekte.

Spuren des Tirolers Hermann Rieser – Vom Tellerwäscher zum gefeierten Bildhauer

Quellenhinweise:

  • Dr. Hansjörg Bader, Sterbebilder, Vom Gebetsaufruf zur Erinnerung, Edition Tirol.
  • Sterbebilder zwischen Politik und Individualität,Ulrike Finkenstedt ORF-Tirol
  • Die Wiedergeburt des Sterbebilds, Judith Sam, Tiroler Tageszeitung
  • Lebendige Geschichte von Schneggenhausen am Mieminger Plateau, Ein Haus im Wandel der Zeit, von Clemens Perktold, meinbezirk.at/Bezirksblätter

Weblinks:

Fotos: Knut Kuckel

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Knut Kuckel
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