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„Gefallen für Gott und Vaterland“ – Gedenktafeln mahnen zum Frieden
Franziskanermönche kümmern sich um die 265 Gedenktafeln an den Aufgängen der Wallfahrtskirche St. Anton in Partenkirchen. Foto: Knut Kuckel
Franziskanermönche kümmern sich um die 265 Gedenktafeln an den Aufgängen der Wallfahrtskirche St. Anton in Partenkirchen. Foto: Knut Kuckel

„Gefallen für Gott und Vaterland“ – Gedenktafeln mahnen zum Frieden

Die 265 Gedenktafeln der Gefallenen oder vermissten Soldaten zweier Weltkriege an den Aufgängen zur Wallfahrtskirche St. Anton in Partenkirchen stimmen nachdenklich. Jede Tafel steht für ein verlorenes Menschenleben, ist ein Symbol für die Sinnlosigkeit des Krieges.

„Gefallen für Kaiser, Gott und Vaterland“, lese ich auf der Gedenktafel eines Soldaten, der sein Leben im 1. Weltkrieg verlor. Darauf stehen Aussagen wie „Im Gedenken unserer Helden“ oder „Fern von der Heimat und den Lieben, ruht in fremder Erde…“.

In Kriegszeiten hatte der ein oder andere auch „sein hoffnungsreiches Leben für’s Vaterland geopfert“. Dieses und Ähnliches ist auf vielen Tafeln zu lesen. Zu sehen sind meist auch Bilder der Gefallenen oder Vermissten Soldaten.

Jede Tafel ist ein kleines Denkmal.

Vor diesem Hintergrund fragt man sich, passt die Erkenntnis von der Sinnlosigkeit des Krieges nicht auch zu den aktuellen Kriegsschauplätzen dieser Welt?

In Afghanistan, Syrien, im Jemen, Nigeria, Somalia, in der Ukraine, im Südsudan, in Nordwest-Pakistan, Libyen, dem Sinai, Mali und anderswo. Die Liste der aktuellen Kriege und Konflikte bleibt umfangreich. 

Beim Fotografieren der Tafeln, vor der Kirche, die dem Hl. Antonius gewidmet wurde, kommt man mit Menschen ins Gespräch. In allen Gesprächen steht die Sinnlosigkeit von Kriegen im Vordergrund. Die Kirche selbst verdankt Kriegen und Scharmützeln ihre Existenz. Bayern gegen Tirol und umgekehrt und mehr. Weil bei den letzen Erbfolgekriegen die siegreichen Österreicher auf Plünderungen in Garmisch und Partenkirchen verzichteten, brachten einfussreiche Bürger ihren Dank zum Ausdruck, indem sie oberhalb von Partenkirchen ein Kirchlein bauten.

Eine 82jährige Partenkirchnerin, die es schon in jungen Jahren nach Murnau verschlagen hatte, erinnerte sich an die letzten Jahre des 2. Weltkriegs. „Ich war noch ein Kind, zu Kriegsende gerade mal acht Jahre alt. Weiß aber noch, dass alle Familien damals jemanden vermissten. Unsere auch.“

Wann immer es sich einrichten ließe, käme sie mit dem Bus hier her. Zur Familie hätte sie keinen Kontakt mehr, aber das Elternhaus gäbe es noch. Unweit von St. Anton. „Mir wurde immer erzählt, die Zeit heilt alle Wunden. Das stimmt aber nicht. Wenn ich das hier sehe, sind alle Erinnerungen wieder da.“

Und immer wieder werde ich gefragt, weshalb ich die Tafeln fotografiere? Dann sage ich, meine Fotos sollen mahnen und nachdenklich machen. Jedes einzelne Bild erzählt die Geschichte einer ganzen Familie. Die Mütter der Gefallenen und Vermissten der Weltkriege haben ihre Kinder verloren. Wozu? Für wen?

Die meisten Tafeln bitten um ein „Gedenken im Gebet“. Vor jeder Tafel zu beten, scheint mir an nur einem Tag unmöglich zu sein. Bei allem Respekt vor dem Schicksal des Einzelnen. Hier und da versuche ich es. Lese, was drauf steht und stelle mir vor, wie es wohl war, als die Hinterbliebenen der rund 300 Soldaten all die Gedenktafeln an den westlichen Aufgängen zu St. Anton anbrachten?

Daran denkend, spiegeln meine Gedanken laufende Bilder. Wie in einem Film. Mütter, Väter, Großmütter – Tanten, Onkel, Nichten und Neffen – all die Verwandten, für die der Aufgang zur Kirche Ersatz für eine Grabstelle war. Jeder wollte für den verlorenen Angehörigen einen guten Platz finden. Sie kamen wohl alle mit kleinem Werkzeug. Hammer und Nagel. Hier und da auch ein wenig mehr. Montierten die zuvor von einem Handwerker geschnitzten tafelgroßen Denkmäler.

Gedenktafel für Gedenktafel. Jede einzelne ein Zeugnis der Dummheit derer, die sie in diese sinnlosen Kriege entsandt hatten. Damals waren es Kaiser oder Führer, heute sind es Präsidenten, Mullahs, Despoten – all die geistigen Führer einer nach wie vor kriegslüsternen Welt.

Sie führen Kriege im Namen einer Religion oder schlicht aus Hass auf den Nachbarn. Im wahrsten Sinne des Wortes, wahnsinnige, eiskalte Menschen. Besessene, denen es um so Vergängliches wie Macht, Geld oder Einfluss geht.

Mir fällt ein, dass ich als Schüler meinen Geschichtslehrer fragte, warum wir „Geschichte“ lernen sollten? „Damit wir aus der Geschichte lernen“, war seine Antwort. Heute würde ich ihn gerne fragen, was wir – bitteschön – aus der Geschichte gelernt haben?

„Solange es Menschen gibt“, sagt ein älterer Herr, „wird sich daran nichts ändern.“ Das Wort „Blutzoll“ fällt. In kleiner Runde erzählt der Mann, dass er als früherer Finanzdienstleister vielen Menschen mit Einfluss begegnete. Vierzig Jahre lang sagt er, in den meisten Ländern dieser Welt. „Heute bin ich wieder daheim und frage mich, was wir davon haben? Wir zerstören, bauen wieder auf und so weiter und so fort. Denen, die daran verdienen, gehts dabei ganz gut. Alle anderen bezahlen dafür. Viele mit ihrem Leben.“

Über die Begegnungen und Gespräche vor den vielen Gedenktafeln der Gefallenen und Vermissten auf den Stufen von St. Anton in Partenkirchen habe ich im Freundeskreis berichtet. Eine Freundin sagte, sie möchte nicht, dass eines ihrer Kinder eines Tages zum Militär geht. „Sie sollen den Menschen im Leben beistehen, meinetwegen auch, wenn sie sich von dieser Welt verabschieden. Aber nicht ihr Leben auf irgendeinem Schlachtfeld hergeben. Fern von daheim.“

Ich habe ihr meine Bilder gezeigt. Die Stimmung war bedrückend. Ich frage, ob ich die denn wirklich veröffentlichen soll? Macht das denn Sinn, wenn sich ja ohnehin nichts ändert?

Die Freundin sagt dazu: „Gerade deshalb. Als Mahnung vor Krieg und Terror. Vor all dem Wahnsinn, den uns jeden Tag die Medien zeigen.“

Sie lebt in Österreich. Ihr Land hat viele Kriege geführt. Das will man heute und in Zukunft nie wieder. In Wikipedia lese ich dazu: Die Neutralität ist seit ihrer Beschlussfassung am 26. Oktober 1955 – dem Tag, an dem zum ersten Mal keine Besatzungstruppen nach dem Krieg mehr im Lande waren – ein grundlegendes Element in der österreichischen Außenpolitik. Seit 1965 ist der 26. Oktober in Erinnerung daran der Nationalfeiertag Österreichs.

In einem Informationskasten der Kirchenverwaltung von St. Anton wird mit einem Plakat um Spenden für die Kriegsflüchtlinge aus Syrien aufgerufen. Das Plakat titelt: „Die größte Katastrophe ist das Vergessen“. Ich fotografiere das Plakat und denke, dass passt zum Beitrag. Beinahe würde ich sagen, wie bestellt.

Wallfahrtskirche St. Anton in Partenkirchen – Dank Dir „Schlampertoni“

Fotos: Knut Kuckel

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