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„92 Grenzsteine und Felszeichen“ – Das Werdenfelser Land symbolisiert eine Burgruine
Die Burg Werdenfels über dem Loisachtal, zwischen Garmisch-Partenkirchen und Farchant, gilt als Namensgeberin für das Werdenfelser Land. Foto: Knut Kuckel / #tirolbayern
Die Burg Werdenfels über dem Loisachtal, zwischen Garmisch-Partenkirchen und Farchant, gilt als Namensgeberin für das Werdenfelser Land. Foto: Knut Kuckel / #tirolbayern

„92 Grenzsteine und Felszeichen“ – Das Werdenfelser Land symbolisiert eine Burgruine

„I bin am liabstn dahoam!“ sagt der alte Werdenfelser. Zwingen ihn Geschäfte oder Behördengänge sein „Dahoam“ kurzzeitig zu verlassen, verkündet er kurz angebunden „Mir fahrn ins Boarland naus“. Dann gehts häufig nur nach Murnau, Weilheim oder München.

Selbstbewusstsein ist das Markenzeichen des Werdenfelsers. Das ist sozusagen genetisch vorbestimmt. Heutzutage ist der Alteingesessene zwar schon Bayer, aber in erster Linie noch immer Werdenfelser. Daheim im Werdenfelser Land. Dazu gehören die Gemeinden Mittenwald, Krün, Wallgau, Grainau und Farchant. Seine kulturellen Wurzeln hat der Werdenfelser – wenns hoch kommt – in Partenkirchen.

Für die Werdenfelser waren Murnau und Kochel, Oberammergau, Ettal und Oberau Ausland. Erst mit den Umbrüchen der napoleonischen Zeit kam diese Region zu Bayern.

„Werdenfelser Land“ ist der Name für den Südteil des Landkreises Garmisch-Partenkirchen. Die Region erstreckt sich im Norden bis Farchant, im Osten bis Mittenwald und im Süden und Westen bis an die Grenze Österreichs.

Wenn man die Leute heute im Raum Garmisch-Partenkirchen befragt, woher das „Werdenfelser Land“ seinen Namen hat, zeigen sie nach Farchant, zur Burgruine Werdenfels. Die mittelalterliche Burg Werdenfels gilt als Namensgeberin des Werdenfelser Landes.

Der österreichische Historiker Michael Henker hat sich als in Deutschland tätiger Museumsmann mit der „Geschichte der Grafschaft Werdenfels“ beschäftigt und stellte dabei u.a. fest, dass zu einer Grafschaft auch ein Graf gehören müsse und es einen „Grafen von Werdenfels“ strenggenommen niemals gab.

Michael Henker: „Nur einen einzigen „Grafen von Werdenfels“ kennen die Akten: Der spätere König Ludwig I. von Bayern benutzte als Erbprinz auf seiner Italienreise 1804 diesen Namen als Pseudonym.“

Der Schriftsteller Ludwig Aurbacher, Sohn eines Nagelschmieds in Türkheim, hat mit seiner 1834 veröffentlichten Sage „Die Ruine Werdenfels – Das Fräulein von Schroffenstein“ dem Werdenfelser ein literarisches Denkmal gesetzt. Bei ihm stirbt der reiche Graf von Werdenfels kinderlos, nachdem das Fräulein von Schroffenstein durch eine List, statt seiner, den Grafen von Eschenlohe geheiratet hat und sein ganzer Besitz fällt diesem Grafen von Eschenlohe zu.

Historisch belegt ist, dass Graf Berthold III. von Eschenlohe, der letzte männliche Vertreter der Familie, im Jahre 1294 seine Grafschaften Partenkirchen und Mittenwald an Bischof Emicho von Freising verkaufte.

Die Freisinger sicherten sich das Gebiet und die Rechte der Grafschaft Werdenfels. Sie ließen 1305 eine erste Grenzbeschreibung verfassen. Erst einmal in lateinischer Sprache: „Fines et mete adtinentes praescripto dominio in werdenvels et districtui domini Episcopi pertinente Castro Werdenfels“. Die deutsche Ausfertigung folgte 1316.

Damaligem Brauch entsprechend, enthielten die Grenzbeschreibungen nicht den exakten Verlauf einer Grenzlinie, sondern nur die Angabe markanter Punkte, entlang derer sich der eigene Besitz erstreckte.

Michael Henker: „Ein gravierender Mangel war es freilich, dass 1305 und 1316 nur die freisingische Sicht niedergeschrieben wurde, was den beiden mächtigen Nachbarn Tirol und Bayern in der Folgezeit Gelegenheit gab, Freising besonders im 14. und 15. Jahrhundert großflächig zurückzudrängen. So verlor die Grafschaft Werdenfels an Bayern Gebiete im Loisachtal bei Oberau, im Isartal bei Fall und Vorderriß sowie an Tirol weite Teile des Karwendels, des Leutaschtals und des Seefelder Sattels.“

Zahlreiche Grenzverträge schrieben diese Entwicklungen fest, bis 1768 die Vermarktung endgültig abgeschlossen war. Michael Henker schreibt dazu: „92 Grenzsteine und Felszeichen und 103 Marchbäume markierten nun die Grenzen des Territoriums der Grafschaft Werdenfels.“

Die Freisinger mussten die Anlage schon im 15. Jahrhundert aus Geldnot mehrmals verpfänden.

Ab 1676 beutete man die Veste als Steinbruch aus. Burgsteine wurden nachweislich beim Neubau der barocken Pfarrkirchen von Farchant und Garmisch wiederverwendet. Um den Erhalt der Anlage kümmert sich heute der Verein Interessengemeinschaft zur Erhaltung der Burgruine Werdenfels.

Im Zuge der Säkularisation kamen Burg und Grafschaft 1802 an das Königreich Bayern. Die etwa 5000 Bewohner der ehemals reichsunmittelbaren Herrschaft konnten sich anfangs nur schwer an ihre neuen Herren gewöhnen. Aus dem Jahr 1806 ist die Klage eines Münchner Beamten überliefert, dass „viele Werdenfelßer noch keine Bairischen Herzen haben!“

1822 erwarb der bayerische Staatsrat Ignaz von Rudhart die Ruine, die sich seitdem in Privatbesitz befindet.

Ackerbau war in der Grafschaft Werdenfels wenig verbreitet. Auch die Viehzucht brachte nur geringe Erträge. Dafür spielten Handel und Gewerbe eine wichtige Rolle für die Menschen. Schon die alten Römer machten aus Mittenwald und Partenkirchen bedeutende Handelsniederlassungen. Zur Blüte gelangten die beiden Gemeinden in der Zeit vom 15. bis zum 17. Jahrhundert.

Die wichtige Straße nach Süden brachte allerdings nicht nur Vorteile, sie diente auch immer mal wieder als Heerstraße. So befestigte Tirol 1632 und 1648 dauerhaft die Talenge bei Scharnitz als Abwehr gegen die Schweden auf Werdenfelser Gebiet. An der Nordgrenze, beim so genannten „Steinernen Brückl“ wurde 1646/48 eine Schwedenschanze errichtet.

Ab 1796 schließlich erlebte Werdenfels wechselnde militärische Besatzungen und Kriegshandlungen von Österreichern, Franzosen und Bayern.

Die Bedeutung der Grafschaft als Nachbar Tirols hatte bereits am 19. August 1802 zur Besetzung durch bayerische Truppen geführt, ehe im November 1802 die kurfürstliche Besitzergreifung das Ende der über 500-jährigen bischöflichen Herrschaft über die Grafschaft Werdenfels markierte.

Seit 1808 unterstand das Landgericht Werdenfels dem Isarkreis, wurde 1810 dem Innkreis und 1814 erneut dem Isarkreis zugeteilt, aus dem 1837 der Regierungsbezirk Oberbayern hervorging.

Und so, wie das Werdenfelser Land erst 200 Jahre bayerisch ist, ist sein weltberühmtes Aushängeschild Garmisch-Partenkirchen erst seit seit 84 Jahren eine Gemeinde. Am 1. Januar 1935 wurde die Vereinigung der beiden benachbarten Orte Garmisch und Partenkirchen zu einer Marktgemeinde von den Nationalsolzialisten wegen der anstehenden Olympischen Winterspiele 1936 erzwungen.

Doch schon 1889 nannte die königlich-bayerische Eisenbahndirektion in weiser Voraussicht den Bahnhof, der zwischen beiden Orten gebaut wurde, „Garmisch-Partenkirchen“. Auch wenn man sich inzwischen aneinander gewöhnt hat, zeigen sich bei näherem Hinschauen noch viele Eigenständigkeiten. Vieles gibt es doppelt. Ski-Clubs, Trachtenerhaltungsvereine, Musikkapellen, Kurparkanlagen und mehr.

Wanderern und Ausflüglern zur Burgruine Werdenfels empfehlen wir zur Einkehr die 770 Meter hoch gelegene Werdenfelser Hütte. Von dort hat man einen schönen Ausblick auf das Loisachtal, Ester- und Wettersteingebirge.

Megscht mitlousn?

Zur Einstimmung empfehlen wir den nachstehenden Film über den Dialekt im Werdenfelder Land und im Innsbrucker Land aus der Sendung vom Bayerischen Rundfunk: Unter unserem Himmel, vom 29. April 2018, Dialekt im Werdenfelser Land und in Nordtirol (44 Min.).

Quellen:

Weblink: hoehenrausch.de/Werdenfelser Hütte

Fotos: Knut Kuckel / #tirolbayern

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Von
Knut Kuckel
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