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Tiroler Volksschauspiele – Erfolgreiche Uraufführung von Mitterers “Verkaufte Heimat”
Verkaufte Heimat - Das Gedächtnis der Häuser, Tiroler Volksschauspiele 2019 in Telfs. Foto: Günther Egger
Verkaufte Heimat - Das Gedächtnis der Häuser, Tiroler Volksschauspiele 2019 in Telfs. Foto: Günther Egger

Tiroler Volksschauspiele – Erfolgreiche Uraufführung von Mitterers “Verkaufte Heimat”

Großer Premierenerfolg von Felix Mitterers „Verkaufte Heimat“ bei den Tiroler Volksschauspielen in Telfs. Das Stück bringt Licht ins Dunkel der Tiroler Zeitgeschichte, setzt ein Zeichen wider das Vergessen. Mitterer hatte sein TV-Stück „Das Gedächtnis der Häuser“ für die Bühne umgeschrieben.

Uraufführung war am Donnerstag, dem 25. Juli 2019. Spielzeit ist noch bis 31. August. Als außergewöhnlicher Aufführungsort steht den Theaterleuten die Südtiroler Siedlung in Telfs zur Verfügung.

Die Tiroler Tageszeitung schreibt zur Premiere: „Brillant in seiner Bösartigkeit ist Oliver Jaksch als Oberfaschist Podestá, der kein deutsches Wort duldet. Und Francesco Cirolini ist als Wirt Paul Kofler begnadetes Schlitzohr, Plappermaul und Aufwiegler in Personalunion.“

Seit 1919 gehört Südtirol zu Italien. Deutschsprachige mussten sich 20 Jahre später entscheiden: Bleiben oder auswandern. Der Bruch in der Gesellschaft ging quer durch die Dörfer.

Felix Mitterer zum Hintergrund: „Vor 100 Jahren, nach dem 1. Weltkrieg, kam Südtirol zu Italien. Im Faschismus wurden Abertausende von Italienern ins „Alto Adige“ geschickt, die Bozner Industriezone errichtet, Wohnungen nur für die Zuzügler erbaut sowie die deutsche Sprache verboten.“

Rückblick: Im Friedensvertrag von Saint-Germain 1919 nach dem Ersten Weltkrieg wurde unter anderem Tirol geteilt, Südtirol gehört seither zu Italien.

Auf Grund des Hitler-Mussolini-Abkommens mussten sich die Südtiroler 1939 entscheiden, ob sie bleiben und sich als italienische Staatsbürger bekennen möchten, oder ob sie ins „Deutsche Reich“ auswandern und deutsche Staatsbürger werden wollen. Hitler und Mussolini begannen sofort, mit ihrer Propaganda-Maschinerie auf die Südtiroler einzutrommeln.

Felix Mitterer: „Abstimmen durften nur die Familienväter. Die einen wollten gehen, die anderen bleiben. Gute Nachbarschaften hatten ein Ende, die Dableiber galten als „walsche Verräter“, die Geher als „Heimatverräter“.“

Ende 1939 hatten sich 86% der Südtiroler fürs Gehen entschieden.

1940 begann man, in mehreren Tiroler Gemeinden Südtiroler-Siedlungen zu bauen, so auch in Telfs. Die Auswanderer kamen, die jungen Männer wurden bereits am Bahnhof Innsbruck zum Kriegsdienst einberufen. Die Familien bezogen die für sie gebauten Wohnsiedlungen. Hier hörte der Konflikt nicht auf, denn die Häuser waren für damalige Begriffe sehr luxuriös, hatten Wasser, Toiletten und Bäder in den Wohnungen. Die Einheimischen waren empört und ließen die Südtiroler das auch spüren.

1989, zum 50-Jahre-Gedenken, wurde über die Option unter dem Titel „Verkaufte Heimat“ ein Zweiteiler im Fernsehen gezeigt; ich durfte die Bücher schreiben, Karin Brandauer führte Regie.

Nach diesen Drehbüchern schrieb ich nun für 2019 zum 80-Jahre-Gedenken an die Option ein Theaterstück für die Tiroler Volksschauspiele. Aufführungsort ist die Telfer Südtiroler-Siedlung, die gerade von der „Neuen Heimat“ etappenweise abgebrochen und neu erbaut wird. Eine der ausgewanderten Familien zieht nun (was im Drehbuch nicht vorkam) in die Siedlung ein. Die Idee zu diesem Großprojekt hatte Markus Völlenklee, die „Neue Heimat“ unterstützt uns dabei tatkräftig. Klaus Rohrmoser führt Regie. Er sagt: „Wir erzählen die Geschichte eines kleinen Volkes, das von der Politik unterdrückt und manipuliert wurde, bis es nicht mehr wusste, wie ihm geschah.“

Markus Völlenklee (Obmann Tiroler Volksschauspiele): „Die Tiroler Volksschauspiele sind weit über die Grenzen Tirols hinaus für ihre ungewöhnlichen Locations berühmt und Felix Mitterer ist der deutschsprachige Theaterautor, der die historische Wahrheit sogar über den theatralischen Effekt stellt. Was für ein Zusammentreffen von Bautätigkeit, Jahrtagen und Künstlern. Da sehen sich die Tiroler Volksschauspiele in Telfs natürlich in der Pflicht, die Geschehnisse von damals, auch als Beitrag zu aktuellen Diskussionen, theatralisch nachzuzeichnen. „Verkaufte Heimat – das Gedächtnis der Häuser“ ist das bislang größte aller Projekte, das die Volksschauspiele je geschultert haben.“

Die Tiroler Volksschauspiele sind ein Theaterfestival, das jährlich im Juli und August in Telfs in Tirol stattfindet. Es gibt keine feste Spielstätte, es werden Spielorte für die jeweiligen Stücke gesucht, die dann für die Inszenierung adaptiert werden. Die Zusammenarbeit von Profis und Laien wird seit Beginn gepflegt. Der Spielplan ist einerseits der Pflege des Volkstheatererbes verpflichtet, andererseits auf die Entwicklung eines modernen Volkstheaters ausgerichtet.

Der Schauspieler Kurt Weinzierl hatte die Idee, die im deutschsprachigen Raum arbeitenden Tiroler Profischauspieler, Bühnenbildner, Komponisten etc. nach Tirol zu bringen, um unser heimatliches Volkstheater gemeinsam mit den dortigen Künstlern neu zu beleben. Kurt Weinzierl war ein österreichischer Schauspieler, Kabarettist und Regisseur. Er starb im Oktober 2008 in München.

„Die Tiroler Volksschauspiele Telfs wollen sich in der Spielsaison vom 25. Juli bis 31. August auf ihre Kernkompetenz – die Verarbeitung lokaler Zeitgeschichte – konzentrieren“, sagt Obmann Markus Völlenklee. Schauplatz des Mitterer-Stücks sind Originalwohnungen in der Telfer Südtirolersiedlung sein. 40 Schauspieler wirken mit. Für die Aufführung sollte man etwas Zeit einplanen. Spielzeit ca. drei-einhalb Stunden. “Verkaufte Heimat” wird 26-mal zu sehen sein und alle Kräfte beanspruchen — “eine große Nummer”, wie es Klaus Rohrmoser formuliert, der Regie führt. „Für ein zweites Stück ist da nicht mehr Platz.“

Fotos: Günther Egger

Ticket-Service der Tiroler Volksschauspiele

Felix Mitterer

Felix Mitterer. Foto: Günther Egger
Felix Mitterer. Foto: Günther Egger

Felix Mitterers Stücke zählen zu den meistgespielten in Österreich. Wie kaum jemand sonst versteht er es, ungewöhnliche Schicksale dramaturgisch in Szene zu setzen. Geboren 1948 in Achenkirch/Tirol, ist Mitterer seit 1978 erfolgreicher Theater- und Drehbuchautor, mitunter auch selbst Schauspieler. Sein Blick gilt oft den Außenseitern, den sozial Randständigen und jenen, die den Mut aufbringen, gegen den Strom zu schwimmen. Seit 1987 erscheinen Mitterers Stücke und Drehbücher im Haymon Verlag, einzeln sowie gesammelt in bisher fünf Bänden. Zu seinem 70. Geburtstag im Februar 2018 erschien seine Autobiographie „Mein Lebenslauf“.

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