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Holzknechtverein feierte 400-Jahr-Jubiläum – „Nachwuchs gesichert“
Die Erfolgsgeschichte der Holzknechte wird fortgeschrieben. Im Forstbetrieb Ruhpolding der Bayerischen Staatsforsten werden wieder Lehrlinge ausgebildet. Foto: Knut Kuckel / #tirolbayern
Die Erfolgsgeschichte der Holzknechte wird fortgeschrieben. Im Forstbetrieb Ruhpolding der Bayerischen Staatsforsten werden wieder Lehrlinge ausgebildet. Foto: Knut Kuckel / #tirolbayern

Holzknechtverein feierte 400-Jahr-Jubiläum – „Nachwuchs gesichert“

Sein 400jähriges Jubiläum feierte der Holzknecht-Vinzenzi-Verein Ruhpolding in beeindruckender Weise. Wer zum fest kam, erlebte zum Greifen nah, wie in früheren Jahrhunderten Bäume gefällt wurden, Holz verarbeitet wurde und anschließend mit Pferdegespannen abtransportiert wurde.

Auf der Fahne der Holzknechte ist weithin zu lesen „Heiliger Vinzentius bitte für uns“. Der Heilige Vinzenz von Saragossa (geboren um das Jahr 270 n. Chr.) ist der Schutzpatron der Holzknechte. Ihm wird nachgesagt, als Diakon wortgewandt und wegen seines Martyriums besonders standhaft und leidensfähig gewesen zu sein. Somit entsprach er schon gentechnisch den weitgehend bekannten Charaktereigenschaften der Holzknechte.

Forstwirtschaftsmeister Richard Kecht, 2. Vorstand im Holzknecht-Vinzenzi-Verein, war mit seinem Kompetenz-Team seit Monaten mit den Vorbereitungen zum Jubiläum beschäftigt: „Wir laden heute auch zum Tag der offenen Tür in unser Forstliches Bildungszentrum ein. Geboten werden Führungen und Vorträge. Auf dem Museumsgelände führen wir vor, was Holzknechte so alles leisten. Damals wie heute.“

Den Holzknechtverein Ruhpolding gibt es seit dem Jahr 1619.

Vor 400 Jahren wurde für die Saline in Traunstein viel Holz benötigt, um das sich die Holzknechte und Vereinsmitglieder gekümmert haben.

Der Einladung zum Festtag ins Holzknechtmuseum in der Ruhpoldinger Laubau folgten am Samstag, dem 18. Mai 2019 – vorsichtig geschätzt – mehr als drei- bis fünftausend Besucherinnen und Besucher. Museumsleiterin Dr. Ingeborg Schmid, und ihr Team, gehen von einem großen Publikumserfolg aus. „Auf alle Fälle oberhalb der drei-einhalb-tausend. Wir möchten uns darüber noch in den kommenden Tagen mit der Freiwilligen Feuerwehr Ruhpolding und anderen Experten abstimmen.“

Den Festgottesdienst zelebrierte Pfarrer Otto Stangl aus dem Seelsorgerteam der Gemeinde St. Georg in Ruhpolding. Für die musikalische Begleitung der Messe konnte u.a. der Ruhpoldinger Männerchor gewonnen werden. Während des Gottesdienst wurde die Jubiläumskerze des Holzknecht-Vinzenzi-Vereins gesegnet. „Sie soll fortan am Vinzenzitag und anderen feierlichen Anlässen von den Holzknechten voran getragen werden“, sagte Pfarrer Stangl und vergaß dabei nicht, den aus rustikalem Holz gestalteten Kerzenständer zu würdigen.

Pfarrer Stangl begrüßte in der ersten Reihe unter den Gästen auch seinen evangelischen Kollegen Pfarrer Thomas Schmeckenbecher aus Ruhpolding.

Das Jahr 1619 wird allgemein als das Gründungsjahr des Holzknechtvereins angenommen. „Das waren schwere Zeiten.“ Georg Bichler (1. Vorstand) erinnerte an den schwierigen Beginn. „Ein Jahr zuvor, 1618, begann der »Dreißigjährige Krieg«. Mit Gründung der Saline in Traunstein wurde 1619 das Forstamt Ruhpolding in das Salinenwaldmeisteramt Traunstein umgewandelt. Die Saline brauchte viel Holz, somit gab es auch viel Arbeit für die Holzknechte jener Zeit.“

Der Chiemgau feiert in diesem Jahr auch 400jähriges „Salzjubiläum“. Dabei stehen die Salzmetropolen Bad Reichenhall und Traunstein im Blickpunkt des Geschehens. Salzmuseum und Salinenpark, historische Wassersäulenmaschinen, Salzmaier-Spaziergänge und ein Premiumwanderweg namens „SalzAlpenSteig“ erinnern im Chiemgau an eine Zeit, als Salz ein wichtiger Wirtschaftsfaktor war. So wichtig, dass das kleine Traunstein für kurze Zeit eine der bedeutendsten Städte Bayerns war.

Das Holzknechtmuseum erfreue sich schon seit Jahren wachsender Besuchszahlen, so Ingeborg Schmid. Seit einem Jahr „sehr erfolgreich“ – wie vielfach zu hören war – leitet die renommierte Alpinhistorikerin aus Tirol das Museum im Chiemgau.

Der vor 400 Jahren gegründete Holzknechtverein war die erste »Sozialversicherung für die Waldarbeiter«.“Die Familien sollten gegen Unfälle und ihre Folgen einigermaßen gut abgesichert sein.“  Georg Bichler erklärt den Kern der Vereinsgeschichte: „Aus den Mitgliedsbeiträgen erhielten verunglückte Mitglieder oder ihre Hinterbliebenen eine finanzielle Unterstützung.“

Paul Höglmüller (Leiter des Forstbetriebs Ruhpolding der Bayerischen Staatsforsten) sagte im Gespräch mit #tirolbayern, für ihn sei es kein Zufall gewesen, dass sich der Traditionsverein über nunmehr vier Jahrhunderte so entwickeln konnte: „Die Wälder in den Chiemgauer Bergen waren, wie im gesamten Bayerischen Alpenraum, über Jahrhunderte die wichtigste Lebensgrundlage für die hier ansässigen Menschen und die Voraussetzung für die dauerhafte Besiedlung dieser Region. Der Holzeinschlag, der Loitenbau, der Schlittenzug und die Trift erforderten besonderen Mut, große Entschlossenheit und vor allem ein hohes Maß an eigenständigem Handeln.“

Diese Herausforderungen hätten den „Holzknechten“ im Alpenraum zu besonderem Ansehen verholfen. „Ich durfte mein gesamtes berufliches Leben in der oberbayerischen Gebirgsregion verbringen und war seit meinen ersten forstlichen Praktikumsmonaten am Samerberg beeindruckt von den starken Persönlichkeiten, die mir in diesem Berufsstand begegnet sind“, bekennt Paul Höglmüller.

„Hier in Ruhpolding habe ich sie in außergewöhnlicher Dichte angetroffen.“

„Die heutigen Vorsitzenden des Vereins, Georg Bichler und Richard Kecht sind starke Beispiele,“ ergänzt der Forstbetriebsleiter, „stellvertretend für viele andere vor ihnen.“

Wer an diesem sonnigen Samstag ins Holzknechtmuseum kam, konnte sie persönlich antreffen. Diese „starken Persönlichkeiten“. Jung und Alt.

Einer der Nachkommen ist auch Claus Pichler. Der Bürgermeister der oberbayerischen Gemeinde Ruhpolding ist als Sohn eines Waldarbeiters mit dem Leben und Denken dieses Berufsstandes bestens vertraut. Kein Zufall, dass er heute als Vorsitzender des Zweckverbandes Holzknechtmuseum unter den Gästen anzutreffen war.

„Bis in die jüngere Vergangenheit war es eine Selbstverständlichkeit, dass es in jeder Familie mindestens einen Mann gab, der »go Holz« ging. Die Arbeit im Wald bildete die Grundlage zur Sicherung der Existenz.“ Die Holzknechte waren allein deshalb schon immer eine starke Gemeinschaft, versichert Bürgermeister Claus Pichler. Prägend auch für das gesellschaftliche und kulturelle Leben der Dorfgemeinschaft.

„Auch wenn die Zahl der aktiven Waldarbeiter deutlich zurückgegangen ist, sind ihre Aktivitäten und ihre Feste – wie etwa der alljährliche Vinzenzitag – immer noch von großer Bedeutung.“

Vor diesem Hintergrund freut es sicherlich nicht nur den Bürgermeister der Gemeinde Ruhpolding, dass seit kurzem wieder Lehrlinge in der Laubau ausgebildet werden.

In den vergangenen 400 Jahren hat sich so manches verändert. In der Gründungszeit ging es vor allem noch darum, die nahe Traunsteiner Saline mit ausreichend Holz zu versorgen, heute stehe die Bewirtschaftung und Pflege der heimischen Wälder im Vordergrund, schreibt der Vorstandsvorsitzende der Bayerischen Staatsforsten, Martin Neumeyer, in der Festschrift zum Jubiläum Holzknechtvereins.

Zitat: „Wir als Bayerische Staatsforsten brauchen qualifizierte und engagierte Forstwirte. Daher haben wir im Jahr 2017 entschieden, im Rahmen einer Ausbildungsoffensive an weiteren Forstbetrieben auch mehr Talente zum Forstwirt auszubilden.“ Damit kehre die Tradition des Ausbildungsberufes Forstwirt an den Ort des diesjährigen Jubiläums zurück.“ Der Nachwuchs an Holzknechten ist in Ruhpolding für die Zukunft gesichert. „Mit Blick in die Zukunft“, sagt Neumeyer, „sind das die besten Aussichten, auch und besonders für den Holzknechtverein.“

Karl Schauderna (Schriftführer, Holzknechtverein) hat #tirolbayern freundlicherweise weitere Fotos geschickt.

Er schreibt: “ In erster Linie sind das Fotos von den Vorführungen des Mobilseilkrans und des Gebirgsharvesters. Nicht vorenthalten wollte ich auch die Kuchendekorationen mit den Symbolen und Motiven des Holzknechtvereins.“

Die „Grenzgänger #tirolbayern“ bedanken sich herzlich und überlassen im Gegenzug der Vereinschronik unsere Fotos, die wir weiter unten veröffentlichen.

Fotos: Karl Schauderna / Holzknechtverein Ruhpolding

Fragen wir uns an dieser Stelle des Beitrags, ist es nicht irgendwie abwertend, von „Holzknechten“ zu sprechen? „Das ist es auf gar keinen Fall“, hören wir vom Vereinsschriftführer Karl Schauderna.  Zugegeben, nicht jeder könne verstehen, dass es Menschen gebe, die auch heute noch mit Stolz von sich behaupten, „Holzknecht“ zu sein. Da müsse man nur mal im Duden nachschlagen, was dort allein zur Begrifflichkeit „Knecht“ zu lesen sei.“ Alle Bezeichnungen sagt Karl Schauderna im Gespräch mit #tirolbayern, seien keinesfalls abwertend zu verstehen.

„In früheren Zeiten waren Holzknechte die Söhne und Knechte ortsansässiger, zuverlässiger Bauern, die im Auftrag eines Waldbesitzers in unserer Gegend Holz einschlugen. In erster Linie schlug man Brennholz, mit dem die Sudpfannen beheizt wurden. Der Holzbedarf war riesig. Auch für den Betrieb der Hochöfen in Bergen und Achtal brauchte man viel Holz. Die Holzknechte damaliger Zeit konnten ihre Familien ernähren. Sie hatten eine sichere Arbeit. Und wer für die Holzversorgung der Saline arbeitete, war vom Militärdienst befreit. Im Vergleich zur Heute-Zeit hat sich in diesen Punkten wenig geändert. Die Waldarbeiter unserer Tage gehören auch zu den besser Verdienenden.“

Pfarrer Bergmaier war von 1912 bis 1916 Kaplan in Ruhpolding. Aus jener Zeit wird berichtet, dass der Pfarrer seine Schüler einmal fragte, „Was wollt Ihr denn einmal werden?“ – 27 von 32 Knaben antworteten „I werd a Holzknecht!“

Im Rahmen der Begrüßung zahlreicher Ehrengäste zum 400-Jahr-Jubiläum des Holzknechtvereins wurde auch die Wanderausstellung „Wertewald – Wie schaffen wir den Zukunftswald?“ eröffnet.

Ausstellung “Wertewald – Wie schaffen wir den Zukunftswald?”

Weblinks:

Fotos: Knut Kuckel / #tirolbayern

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Meine Meinung

4 Kommentare
  • Lieber Herr Kuckel,
    eine wunderbare Dokumentation dieser vielseitigen Veranstaltung !!
    Vielen Dank dafür
    der Waldmeister Hölderich

  • Lieber Knut!
    Seit Längerem haben wir miteinander nicht mehr kommuniziert, wie’s so schön neudeutsch heißt. Nachdem am vergangenen Wochenende für uns der Gemeindeausflug nach Wien am Programm stand, konnten wir in Ruhpolding nicht dabei sein. Zum Glück gibt es Deine Seite im Internet. Gratuliere, großartig wie Du diese Veranstaltung präsentiert hast. Danke, in unser
    beider Namen.

    • Liebe Monika, lieber Martin,
      ich danke Euch beiden. Es war wirklich in jeder Hinsicht beeindruckend. War gerne mit dabei und staune, wie erfolgreich Eure Tochter ist. Der Forstbetriebsleiter meinte beim Eröffnungsempfang vor versammelten Publikum: „Können und Tiroler Charme“ wären für Ingeborgs breite Akzeptanz als Museumsleiterin nach nur einem Jahr ausschlaggebend. Ein Besuch lohnt allemal. Herzliche Grüße nach Tirol, Knut

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