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Auf den Spuren der „Neobiota“ – Ausstellung im Holzknechtmuseum Ruhpolding
Claus Pichler: "Mit Müll kann man doch keine Ausstellung machen." - Kann man nicht? Offensichtlich doch... Foto: Knut Kuckel / #tirolbayern
Claus Pichler: "Mit Müll kann man doch keine Ausstellung machen." - Kann man nicht? Offensichtlich doch... Foto: Knut Kuckel / #tirolbayern

Auf den Spuren der „Neobiota“ – Ausstellung im Holzknechtmuseum Ruhpolding

Müll in den Bergen ist ein Dauerthema. „Wir brauchen Einfälle, statt Abfälle“, sagte Bürgermeister Claus Pichler zur Eröffnung der Sonderausstellung “Neobiota – Artenvielfalt von Menschenhand” im Holzknechtmuseum in Ruhpolding.

Im Gespräch mit #tirolbayern konkretisierte Museumsleiterin Ingeborg Schmid: „Zehntausende wandern in den Alpen. Viele lassen ihren Müll zurück. Dagegen kann man was tun. Die Ausstellung regt auf unterhaltsame Weise zum Mitmachen ein. Ohne erhobenen Zeigefinger.“

Bürgermeister Claus Pichler eröffnete die Sonderausstellung „Neobiota.Artenvielfalt von Menschenhand“ in seiner Funktion als Vorsitzender im Zweckverband Holzknechtmuseum Ruhpolding. Er sagte auf Nachfrage, es sei nicht für alle Entscheidungsträger spontan nachvollziehbar gewesen, weshalb wir das machen möchten: „Mit Müll kann man doch keine Ausstellung machen, zeigt doch stattdessen unsere schönen Berge im Chiemgau.“

Man zeige ja die „schönen Berge von daheim, jedoch mit dem Hintergedanken, dass sie auch weiterhin schön anzuschauen sind. Besonders beim Wandern oder Klettern“, so Pichler.

Da, im hohen Gras versteckt er sich, klein, rund und golden: ein Cortex lagonae cerevisiae. Unweit, am Rande eines Wanderweges lauert ein Potio ad corpus reficiendum apta, etwa handtellergroß, glatt und in bunten Farben. Winzig klein dagegen ein Vertreter der zahlreich vorkommenden Art Fusulus nicotianus consumptus, am Fuße eines Gipfelkreuzes. Was wie exotische Tiere im Naturraum in den Bergen anmutet, ist in Wahrheit: Müll. Ein Kronkorken, achtlos weggeworfen beim Bieröffnen, ein Trinkpäckchen aus Plastik, das die Sportlerin beim Rennen als Ballast loswird und noch häufiger zu finden ein Zigarettenstummel, der abgebrannte Rest der Belohnungskippe hoch oben auf dem Gipfel.

Als neue, zerstörerische Arten begreifen die Umweltschützer des Südtiroler Alpenvereins die Hinterlassenschaften mancher Wanderer. In einem Kurzfilm (s.o.) werden Kronkorken und Co. deshalb zu den Hauptdarstellern und treten mit lateinischen Artennamen auf. Die Kampagne heißt „Neobiota“, Fachjargon für invasive Arten, und versucht, mit einer Wanderausstellung, Filmen und pädagogischen Projekten das Umweltbewusstsein von Wanderern jeden Alters zu schärfen. Müll in den Bergen ist ein Dauerthema. Seit den 1970er-Jahren bemüht sich auch der Deutsche Alpenverein (DAV) darum, dass beim Wandern kein Abfall zurückbleibt. Die Aktion „Saubere Berge“ stellte Schilder an Wegen auf, an den Hütten sind umweltfreundliche Maisstärketüten zu finden.

Zigarettenstummel liegen um eine Aussichtsbank verteilt, in einer Felsspalte klemmt eine leere Bierdose und die Bananenschale baumelt an einem Latschenast lässig im Wind.

Kein Berg ist mehr vom Müll verschont.

Gerade dort, wo es keine Müllabfuhr gibt, sollte man besonders sensibel mit Müll umgehen: Achtlos weggeworfene Gegenstände verrotten draußen nur sehr langsam. „Selbst organisches Material wie eine Bananenschale ist erst nach zwei bis fünf Jahren vollständig abgebaut. Und eine Aluminiumdose liegt da oben bis zu 500 Jahre“, so Dr. Tobias Hipp vom Ressort Naturschutz und Kartographie des DAV.

„Darum fängt Abfallvermeidung am Berg bereits zu Hause an“, meint Tobias Hipp. Die Logik dahinter: Wer keinen Müll einpackt, kann oben keinen wegwerfen oder verlieren.

Das Wanderausstellungs-Projekt wurde von Mitgliedern des Alpenvereins Südtirol zum ersten Mal vor fünf Jahre öffentlich präsentiert. Der Müll in den Bergen ist nicht weniger geworden. Das Referat für Natur und Umwelt des Alpenvereins Südtirol hat sich deshalb eine neue Strategie überlegt, um auf die Müllverschmutzung in unseren Bergen aufmerksam zu machen. Mit den wissenschaftlichen Methoden, mit denen Biologinnen und Biologen sogenannte Neobiota untersuchen (Lebewesen, die sich in einem neuen Gebiet ansiedeln), haben die Mitglieder des Referats zwei Sommer lang die Müllvorkommen in den Bergen dokumentiert, bestimmt und ihre „Lebensweise“ beobachtet: Wo finden sie sich gehäuft? Kennt man sie für diese Lebensräume schon lange?

Kurzfilme aus dem Müll-Labor zeigen die Müllforscher bei der Arbeit; wer mehr Fakten sucht, findet den aktuellen Stand zur Verbreitung. Das Müll-Memory oder die „Neobiota“-Tastbox sprechen vor allem Kinder an.

Zur Ausstellungseröffnung kam ein internationales Publikum ins Holzknechtmuseum nach Ruhpolding. Vor allem Interessierte wie Repräsentanten der Alpenvereine und Bergwachten aus Bayern und Tirol. Unter den Gästen sahen wir aber auch bekannte Naturschützer, Touristiker, Politiker und Museumsleiter aus Bayern. 

Landrat-Stv. Josef Konhäuser sagte in seinem Grußwort: „Der Landkreis Traunstein fördert nicht nur mit zahlreichen Projekten und Einrichtungen die Bildung junger Leute, wir engagieren uns auch für ein neues Umweltbewusstsein. Weniger Müll am Berg? Solche Ziele erreichen wir nur gemeinsam und im Rahmen der Frühförderung.“

Zur Ausstellungseröffnung sangen um die 15 Grundschulkinder der St. Valentinsschule das „Müll-Lied“. Die St. Valentinsschule fördert die geistige Entwicklung seiner Schülerinnen und Schüler. Eine Einrichtung des Heilpädagogischen Zentrums Ruhpolding (HPZ).

Fünf Jugendliche aus dem HPZ waren im Rollenspiel unter Realbedingungen aktive Müllsammler rund um das Wandergebiet am Holzknechtmuseum in der Laubau. Die Gruppe leerte vor dem staunenden Publikum ihre Müllsäcke aus und erzählte, was sie wo in so kurzer Zeit alles gesammelt hatten. Moderiert wurde diese Präsentation von ihrem Lehrer Ernst Bresina. Mit großem Applaus wurde die Müllgruppe mit dem Müllchor zur verdienten Brotzeit in die Schneckenbachstube des Holzknechtmuseums entlassen.

Ein Gast aus Tirol zeigte sich beeindruckt: „Ich hab‘ den jungen Burschen bei der Probe vor den Ausstellungsräumen zugeschaut. Mich berührt ihre Ernsthaftigkeit. Ihre strahlenden Augen zeigten mir, mit welchem Engagement sie sich der gestellten Aufgabe widmeten.“

Beim abschließenden Rundgang durch die Ausstellung sprechen wir mit Alpinisten, Wanderführern, Naturschützern und Bergwanderern. Sie alle sagen übereinstimmend, das Müllaufkommen im alpinen Gelände habe sich – wohl auch dank starker Informationskampagnen – verringert. Empirische Untersuchungen dazu gebe es allerdings nicht. Beklagt wird, dass trendige Outdoor-Aktivisten für neuen Müll sorgten. „Viele von ihnen“, sagte ein Chiemgauer Wanderführer, „lassen ihren Müll einfach liegen, weil sie ihren Rucksack nicht dreckig machen wollen.“

Man habe festgestellt, dass Müllbeutel erfolgreicher zur Müllvermeidung beitrügen als Mülleimer. Früher seien Müllsammelaktionen nach der Wandersaison üblich gewesen, sagt Thomas Bucher, Pressesprecher des Deutschen Alpenvereins. „Inzwischen machen das nur noch ein paar Sektionen, weil das Müllproblem nicht mehr so groß ist.“

Weggeworfener organischer Abfall und Papiertaschentücher sind nach wie vor ein Problem. Verrottet ja eh, denken viele – allerdings dauert das. Ein Taschentuch liegt fünf Jahre herum. Orangen- und Bananenschalen benötigen zum Verrotten bis zu drei Jahre. Eine Aludose würde, so man sie nicht wegräumt, Hunderte, eine Glasflasche Tausende Jahre überdauern. Ein Zigarettenstummel ist zwar schon nach ein paar Jahren aufgelöst, dafür hat er das Potenzial, 50 Liter Grundwasser zu vergiften. Auf Tafeln und Bierdeckeln informieren die Alpenvereine darüber.

Die Wanderausstellung des Alpenvereins Südtirol im Holzknechtmuseum ist noch bis zum 31. Oktober 2019 zu sehen.

Weblinks:

Fotos: Knut Kuckel / #tirolbayern

https://www.tirolbayern.de/2019/05/10/ruhpoldinger-holzknechte-feiern-stolzes-jubilaeum-grosses-festprogramm-in-der-laubau/

 

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Von
Knut Kuckel
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