Das “Kuh-Urteil” regt auf – Müssen Almen jetzt eingezäunt werden?
Wanderer und Kühe begegnen sich. Nichts ungewöhnliches auf der Alm. Foto: Knut Kuckel / #tirolbayern
Wanderer und Kühe begegnen sich. Nichts ungewöhnliches auf der Alm. Foto: Knut Kuckel / #tirolbayern

Das “Kuh-Urteil” regt auf – Müssen Almen jetzt eingezäunt werden?

Nach einer tödlichen Kuh-Attacke auf eine deutsche Urlauberin in Österreich muss ein Tiroler Landwirt Hunderttausende zahlen. Ein Urteil des Landesgerichts Innsbruck sorgt diesseits und jenseits der Grenzen für Ärger.

Zum Hintergrund: Im Juli 2014 ist eine Urlauberin bei einer Wanderung südlich von Innsbruck von Kühen getötet worden. Das Landesgericht Innsbruck hat einen Bauern aus Tirol zur Zahlung von 490 000 Euro Schadenersatz verurteilt, weil seine Kühe eine 45-jährige Urlauberin aus Deutschland getötet hatten. Der Landwirt will gegen das Urteil in Berufung gehen.

Die Frau war im Juli 2014 im Pinnistal, südlich von Innsbruck, mit ihrem Hund auf einem Wanderweg unterwegs, als die Kühe auf sie zuliefen. Ein Obduktionsbericht ergab später, dass die Frau zu Tode getrampelt wurde. Ermittler gehen davon aus, dass die Tiere offenbar aggressiv auf den Hund reagierten. Zeugen zufolge habe sich der Hund aber nicht aggressiv verhalten. Die Staatsanwaltschaft hatte bereits 2014 die Ermittlungen eingestellt, der Ehemann der Getöteten hatte den Landwirt jedoch auf Schadenersatz verklagt.

Der Landwirt will gegen das Urteil Berufung einlegen, notfalls werde er bis zur höchsten Instanz klagen. Sollte er scheitern, würde dies wohl einen Präzedenzfall schaffen.

Da kommt – freundlich formuliert – Unmut auf. Vor allem unter den Bergbauern. Ein Fall, der grenzüberschreitend aufregt.

Müssen Almen jetzt eingezäunt werden?

Das fragt man sich nicht nur in Tirol, sondern auch in Bayern. Das Urteil sei „praxisfremd“ und gefährde das Miteinander von Tourismus und Almwirtschaft.

“Bauern fragen mich, ob sie die Kühe noch auf die Alp treiben sollen, oder ob sie die Almen komplett sperren sollen.”

Das sagt Josef Hechenberger, Präsident der Tiroler Landwirtschaftskammer.

Die Tiroler Landwirtschaftskammer kümmert sich. Man will “sichere Almen”. Hechenberger: “Aus meiner Sicht ist dabei der wichtigste Punkt die Anpassung der Tierhalterhaftung im Bundesgesetz. Daneben ist natürlich eine umfangreiche Aufklärung notwendig.”

Das Tiroler Almschutzgesetz müsse überarbeitet werden. Josef Hechenberger: “Wichtig wäre hier vor allem, das Durchqueren von Mutterkuhherden zu regeln bzw. überhaupt zu verbieten.

Kuh-Attacken auf Almwanderer – auch mit tödlichem Ausgang – gibt es schon, solange es Almen und Wanderer gibt. Das Innsbrucker Urteil erregt allerdings die Gemüter mehr denn je.

“Wir haben in den vergangenen Jahren in unsere Almen investiert. Die Almwirtschaft und unsere Gäste sollen davon letztlich profitieren”, sagt im Gespräch mit #tirolbayern Martin Kapeller. Wirtschaftlich zuständig für die Hochfeldern Alm im Gaistal und die benachbarte Seeben Alm bei Ehrwald.

Der Unmut sei groß, so der Tiroler Landwirt. Manche Bauern denken auch darüber nach, unter Umständen ihre Almen zu sperren.

Der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter steht hinter den Almbauern. Er lud vor kurzem einen repräsentativen Kreis direkt Betroffener nach Innsbruck ein. Beim Runden Tisch nach dem Urteil infolge der tödlichen Kuh-Attacke in Tirol wurde ein umfassender Versicherungsschutz für Landwirte beschlossen. Regeln wie auf der Skipiste sollen “mehr Eigenverantwortung” einfordern, eine Zaunpflicht wurde ausgeschlossen.

Die landesgesetzliche Bestimmung, die verschärft werden soll, betrifft indes das Tiroler Almschutzgesetz. Hier werde man ebenfalls “mehr auf Eigenverantwortung” setzen, so der Tiroler Landeshauptmann. Einem Hundeverbot auf den Almen wurde indes eine Absage erteilt. “Wir wollen kein Land der Verbote sein”, erklärte der Landeshauptmann. Es könne auch nicht angehen, dass künftig überall Zäune angebracht werden.

Ein Versicherungsschutz könnte die wirtschaftlichen Folgen der Almunfälle mildern. Vergleichbare Versicherungslösungen gebe es auch für Wegehalter im Tiroler Mountainbikemodell oder für Mitglieder der Lawinenkommissionen, so der Tiroler Landeshauptmann.

Die Lage in Bayern

Auch in Bayern gibt es oft genug Unfälle mit Kühen. Allein im Jahr 2014 gab es in Deutschland 6000 Unfälle mit Rindern – acht davon endeten tödlich. Meistens jedoch im bäuerlichen Betrieb, der Angriff auf Wanderer oder Mountainbiker ist die Ausnahme und fast immer mit Muttertieren mit Kälbern verbunden.

Auch im deutschen Recht ist die Tierhalterhaftung verankert, in §833 BGB. Eine Ausnahme besteht nur hinsichtlich der Haustiere, die dem Beruf oder Unterhalt des Tierhalters zu dienen bestimmt sind (wie Kühe) und bei denen der Halter die Beaufsichtigung mit der erforderlichen Sorgfalt durchgeführt hat.

Ein vergleichbarer Fall in Bayern könnte durchaus ähnliche Konsequenzen wie in Tirol haben, wenn eine Sorgfaltspflichtverletzung des Bauern festgestellt würde. In Anbetracht dessen stellen nun auch deutsche Landwirte vermehrt Warnschilder auf, in vielen Hütten liegen Hinweisbroschüren aus. Tourismus und Almwirtschaft sind allerdings aufeinander angewiesen, Zäune wären dem abträglich.

Bauer Franz Hage, Vorsitzender des Alpwirtschaftlichen Vereins im Allgäu, rät Wanderern grundsätzlich, um Weiden mit Mutterkuhhaltung einen großen Bogen zu machen. Kritisch wird es auch, wenn Wanderer freilaufende Hunde dabei haben.

Wenn ein Rind näher kommt, den Hund von der Leine lassen: Der Hund läuft fort, der Besitzer ist außer Gefahr.

Die Mehrzahl der Unfälle mit Rindern passieren direkt im Kontakt im landwirtschaftlichen Betrieb. Normalerweise sind Kühe friedliche Wesen und in erster Linie Fluchttiere. Wenn sie sich aber bedroht oder in die Enge getrieben fühlen, dann wehren sie sich – besonders, wenn es um den Nachwuchs geht.

“Eine Alm ist kein Streichelzoo!”

Nach mehreren Kuhattacken in den vergangenen Jahren präsentierten die Tiroler Landwirtschaftskammer und die Tirol Werbung zum Start der Almsaison im vergangenen Jahr eine Informationskampagne. Mit Foldern, Infotafeln und Comic-Erklärfilmen soll das Bewusstsein der Wanderer geschärft werden.

Quelle: LK-Tirol, 05.06.2017

Von der Mutterkuh, bis zur Gefahrenquelle Hund. Auch zur Frage “Was kann der Bauer tun?” gibt es wertvolle Anregungen. Mit Kurzfilmen, die u.a. auch über YouTube verbreitet werden, sollen Unfälle möglichst ausgeschlossen werden.

In zwei Monaten (Mitte Juni) beginnt der Almsommer 2019. Für uns alle gilt, die am liebsten aktiv oder passiv die Natur genießen, aufzuklären, statt Angst zu machen. Die schönsten Warntafeln verfehlen ihren Zweck, wenn sie nicht gelesen werden oder aufregen. Die klügsten Ratgeber, Folder, Infofilme ebenso. Vor allem nützt einem der Informationsfilm wenig, wenn man ihn nicht findet. 

Bei unseren Recherchen zum Thema sind wir auf viele kluge Informationen gestoßen. Lesenswert im konstruktiven Sinne ist ein Beitrag von Tierarzt Ralph Rückert aus Ulm / Söflingen: Kuhherde tötet Wanderin, vom 30.07.2014.

Wir zitieren: Halbwegs erfahrene Bergwanderer wissen, wann sie eine Almwiese betreten, da man dazu meist ein Gatter durch- oder überqueren muss. Es macht durchaus Sinn, sich bei dieser Gelegenheit mal umzusehen, um eventuell erkennen zu können, was für Kühe da stehen. In über 90 Prozent der Fälle wird es sich dabei um Jungrinder handeln, also Tiere, die noch nicht gekalbt haben. Hier müssen Sie mit der für jugendliche Tiere allgemein üblichen Neugier und Unternehmungslust rechnen. Speziell wenn man einen Hund dabei hat, ist die ganze Herde oft sehr interessiert und rottet sich spontan zusammen, für den mit Kühen nicht vertrauten Städter manchmal mit bedrohlicher Geschwindigkeit.

Kein verantwortlich handelnder Landwirt wird je geschlechtsreife Bullen auf eine Almwiese stellen, die von einem offiziellen Wanderweg durchquert wird. Trotzdem der Hinweis: Sollten Sie einen mehr oder weniger ausgewachsenen Bullen erkennen können, dürfen Sie die betreffende Wiese auf gar keinen Fall betreten. Das wäre ohne jede Übertreibung absolut lebensgefährlich! (von Ralph Rückert, Tierarzt)

Zu all den guten und hilfreichen Empfehlungen fügen wir von #tirolbayern noch eine hinzu. Adressiert an unsere regionalen Touristiker in Bayern und Tirol: Warum nimmt man die Aufklärung über die lauernden Gefahren auf der Alp nicht in den aktiven Teil des Sommerprogramms für Wanderinnen und Wanderer auf? Das wäre eine Ergänzung für geeignete Berg- und Wanderführer und würde bei den Gästen auf Zeit sicherlich gut ankommen.

Das Informationsprogramm wäre durchaus dynamisch zu gestalten. Mit anschließendem Besuch beim Almbauern.

Fotos: Knut Kuckel / #tirolbayern

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Von
Knut Kuckel
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