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Bayerische Landesausstellung 2020 – Umbenennung stößt auf Widerspruch
„Museum im Wittels­bacher Schloss Friedberg“. Foto: Martin Kluger/Augsburg Tourismus
„Museum im Wittels­bacher Schloss Friedberg“. Foto: Martin Kluger/Augsburg Tourismus

Bayerische Landesausstellung 2020 – Umbenennung stößt auf Widerspruch

Die Schau in Friedberg und Aichach im nächsten Jahr bekommt einen neuen Titel: “Stadt befreit – Wittelsbacher Gründerstädte”. Damit reagieren die Organisatoren auf Kritik der Israelitischen Kultusgemeinde am bisherigen Motto “Stadtluft macht frei”.

Die Landesausstellung 2020 in Friedberg und Aichach soll einen neuen Titel erhalten: „Stadt befreit – Wittelsbacher Gründerstädte“. Dies ist das Ergebnis aus dem heutigen Gespräch zwischen der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Kunstminister Bernd Sibler und dem Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte Dr. Richard Loibl. Knobloch zeigte sich im Anschluss an das Gespräch erleichtert: „Ich freue mich sehr, dass die Ausstellung, die sicher sehr interessant ist, weil sie einen Teil unserer Geschichte zeigt, den neuen Titel ‚Stadt befreit‘ bekommen hat!“

Kunstminister Sibler hatte beide zu einem konstruktiven Austausch in sein Ministerium eingeladen, um die von Knobloch kritisierte sprachliche Nähe des ursprünglichen Titels „Stadtluft macht frei“ zu dem menschenverachtenden „Arbeit macht frei“ des NS-Regimes zu thematisieren. „Mir war wichtig, zwischen den beiden Positionen zu vermitteln. Die heutige Gesprächsatmosphäre war von gegenseitigem Verständnis geprägt. Ich freue mich, dass Dr. Loibl und sein Team so schnell reagiert und heute eine sehr gute Alternative angeboten haben!“, betonte Sibler. Er sei erleichtert, dass schmerzhafte Assoziationen die Bayerische Landesausstellung 2020 nun nicht mehr beinträchtigen können. „Unsere Landesausstellungen leisten historisch-politische Bildungsarbeit im besten Sinn! Ein respektvoller und verantwortungsvoller Umgang mit den grauenhaften Verbrechen des Holocaust hat höchsten Stellenwert. Antisemitismus hat im Freistaat keinen Raum – das gilt selbstverständlich für unsere Kunst- und Kulturlandschaft und damit auch für die Landesausstellungen des Hauses der Bayerischen Geschichte“, so Sibler.

Rechtssatz wird modern übersetzt

Der Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte erklärte, der Rechtssatz „Stadtluft macht frei“, der die gegenüber der Landbevölkerung erheblich erweiterten Freiheitsrechte der Bürger in den mittelalterlichen Städten beschreibt, sei aus aufklärerisch-liberaler Tradition und dem Nationalsozialismus entgegengesetzter Philosophie formuliert worden. „Wir haben diesen Rechtssatz mit dem neuen Titel nun modern übersetzt“, sagte Dr. Loibl zur heute vorgestellten Alternative. Zudem werde der Rechtssatz in einer eigenen Abteilung der Ausstellung ausführlich behandelt. Dabei sollen auch die Begriffsgeschichte und die grundsätzlich gegenläufige Tradition zur Pervertierung des Freiheitsbegriffes durch das NS-Regime erläutert werden.

„Stadtluft macht frei“ ist eine Begrifflichkeit aus der deutschen Rechtsgeschichte. Im 19. Jahrhundert wurde sie unter Bezugnahme auf mittelalterliche Quellen formuliert und sagt aus, dass in der deutschen und darüber hinaus in der europäischen Stadt seit dem 12. Jahrhundert eine besondere Form der Freiheit etabliert wurde. Die Zugezogenen erhielten nach Jahr und Tag persönliche Freiheit, die ihnen dann auch von ihren früheren Herren nicht mehr genommen werden konnte. Die erste erhaltene Urkunde der die Landesausstellung mitveranstaltenden Stadt Aichach handelt genau über diesen Sachverhalt. Zudem waren die Bürger häufig nur dem Gericht ihrer Stadt unterworfen und von anderen Instanzen befreit. Quelle: Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, Pressemitteilung Nr. 065 vom 02.04.2019

Pressespiegel

“Stadtluft macht frei” sollte der Name der Landesausstellung 2020 in Aichach und Friedberg sein. Dies kritisierte Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, weil es sie an eine Nazi-Parole erinnert. Die Umbenennung in “Stadt befreit” stößt allerdings auf Widerspruch. Die vom Kunstministerium verkündete Umbenennung der Landesausstellung 2020 in Aichach und Friedberg ist bei Politikern und Historikern auf Kritik gestoßen. Das schreibt die Süddeutsche Zeitung (Hans Kratzer, 3. April 2019). Der Historiker Johannes Fried sagte zur SZ, er habe von jüdischer Seite bis dato noch nie einen Hinweis gehört, dass der Spruch für sie problematisch sei. 

Hintergrund zum Beitragsbild:

„Museum im Wittels­bacher Schloss Friedberg“. Foto: Martin Kluger/Augsburg Tourismus
„Museum im Wittels­bacher Schloss Friedberg“. Foto: Martin Kluger/Augsburg Tourismus

1404 wurde Friedberg unter Herzog Ludwig „dem Gebarteten“ zur Stadt erhoben. Er ließ dort kurz darauf eine feste Burg errichten. Das heutige, im Stil der Renaissance erbaute Wittelsbacher Schloss entstand vor allem von 1550 bis 1560 sowie in den Jahren nach dem Dreißigjährigen Krieg. Fünf Jahre lang wurde diese Vierflügel­anlage zuletzt mit großem Aufwand saniert: 2019 eröffnet dort das „Museum im Wittels­bacher Schloss Friedberg“ wieder. 2020 wird in diesem Schloss ein Teil der bayerischen Landes­­ausstellung zu sehen sein. (Text/Foto: Martin Kluger, mehr: Regio Augsburg Tourismus)

 

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Von
Kyra Berkenhof
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