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Instagram-Pilger in Bayern – „Wir mögen euch, wir mögen euch nicht…“
Oberstaufen im Allgäu wirbt mit dem Slogan "Dein digitalster Kurort Deutschlands", Foto: oberstaufen.de
Oberstaufen im Allgäu wirbt mit dem Slogan "Dein digitalster Kurort Deutschlands", Foto: oberstaufen.de

Instagram-Pilger in Bayern – „Wir mögen euch, wir mögen euch nicht…“

„Laptop und Lederhose“ war vorgestern. Die digitale Gesellschaft fällt heute mit smarten Geräten und Hipster-Outfit auf. Ihr Leben spielt im Bilderbuch. Fluch oder Segen? Bayern debattiert in diesen Tagen ziemlich kontrovers über die Instagram-Pilger.

Ein Instagram_Bild von Lenschgal kommt in diesem Zusammenhang zu spätem Erfolg. Ihr Bild wurde am 26. Dezember 2018 in ihrem Instagram-Account veröffentlicht und inzwischen rund 1800 Mal geliked. Mit steigender Tendenz.

„Lenschgal“ gehört mit aktuell über fünfeinhalb-tausend Abonnenten in der Instagram-Community zur gehobenen Mittelklasse. Andere schaffen es bis auf 200.000 Follower und mehr. Liegt wohl daran, dass „Lenschgal“ authentisch geblieben ist, und ihren Bewunderern Lust auf Touren im alpinen Raum macht.

Ihr Selfie wurde am Barmsee gemacht. Einer von drei Moorseen nahe Krün. Nur wenige Kilometer östlich von Garmisch-Partenkirchen. Idyllisch gelegen vor Wetterstein und Karwendel im Voralpenland.

Barmsee und Geroldsee in Oberbayern locken immer mehr Touristen an – weil sie auch als Instagram-Motive beliebt sind. Das gefällt vielen in der Gemeinde Krün nicht.

Im September des vergangenen Jahres war #tirolbayern am Barmsee. Das Wetter war nicht das Allerbeste. Vielleicht war ja das der Grund dafür, dass uns an diesem Tag nur wenig Menschen auf dem Rundweg begegneten. Wir haben von dem Ausflug ein paar Fotos mitgebracht.

Keine Selfies. Eher unspektakuläre Bilder, die zeigen, dass der 1,12 km lange und maximal 0,49 km breite See ein zwar schönes, doch eher überschaubares Gewässer ist.

Fotos: Knut Kuckel / Grenzgänger #tirolbayern

Am Wochenende war in zahlreichen Zeitungen zu lesen, Thomas Schwarzenberger, Bürgermeister in Krün, beklage sich über eine „Szene“, die sich in den vergangenen Jahren entwickelt habe.

Zitat: „Es ist so, dass sich in den letzten Jahren da eine Szene entwickelt hat, die Bilder macht von schönen Landschaften, die sie irgendwoher kennen, und dann online stellen.“

Dabei würde man selbst gar keine Werbung mehr dafür betreiben, das laufe allein über neue Medien. „Die Seen werden überlaufen“, sagt der CSU-Politiker.

Schwarzenberger macht seinem Ärger Luft: „Durch den Ansturm sind Trampelpfade entstanden. Quer durch die Wiesen. Die große Zahl an Menschen, die am Seeufer Fotos machen wollten, sei schwer bis gar nicht zu kontrollieren. Was also tun?

Zäune sind laut Schwarzenberger keine Option, denn die Zäune müssten erhalten werden – und das koste Geld. Auch über Schranken wurde und wird nachgedacht; allerdings erschweren sie den Besitzern der anliegenden Grundstücke die Zufahrt. Deshalb setzt der Bürgermeister von Krün jetzt auf die Vernunft der Menschen – und auf Schilder, die ab Frühjahr das Bewusstsein der sogenannten Instagram-Touristen schärfen sollen.

„Die negativen Folgen für eine Destination oder einen Ort sind nicht durch soziale Medien ausgelöst worden, sondern haben durch das unbegrenzte Teilen und Verbreiten von einzelnen Motiven eine Entwicklung verstärkt und sichtbarer gemacht“, sagt Armin Brysch. Er forscht an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Kempten unter anderem zu den Themen Marketing und Tourismus in der Digitalisierung.

Brysch spricht damit das Phänomen „Overtourism“. Damit gemeint ist jener Konflikt zwischen Einheimischen und Besuchern an stark besuchten touristischen Zielen wie Venedig, Dubrovnik oder Barcelona.

Mit Fotos und Hashtags könne man in den touristisch attraktiven Regionen mit eigener Kreativität schon viel gegensteuern. „Weg von den bekannten, immer gleichen Motiven!“ Als positives Beispiel nennt Brysch den Instagram-Auftritt von Bad Wörishofen im Unterallgäu: „Mit kurzen Kneipp-Zitaten posten sie einen Gedankenanstoß im Alltag.“

Cathrin Herd, die das Marketing für den Ort verantwortet, sagt: Zwar sei vor allem der Kurpark mit Rosengarten und Barfußweg ein beliebtes Motiv – von fotohungrigen Menschenmassen aber sei man dort noch weit entfernt. Der Kneipp-Kurort versucht anders als in Krün auch nicht, sich gegen die Instagram-Fotografen zu wehren; vielmehr will man hier das soziale Netzwerk selbst zur Profilschärfung nutzen.

Mit einem eigenen Instagram-Kanal, den rund 900 Menschen abonniert haben, soll das Image vom „Alte-Leute-Ort“ korrigiert werden und Aufmerksamkeit nach außen geschaffen werden. Helfen soll dabei auch eine Influencerin, die im Sommer Bad Wörishofen besuchen wird. An Influencern komme man heute eben auch nicht mehr vorbei, sagt Cathrin Herd: „Die wissen genau, was der Markt will.“

Unsere Meinung zum Thema:

„Social-Media-Wallfahrer“ sind kein „Fluch“ für Bayern. Auch und schon gar nicht für vergleichbar andere schöne Nachbarländer. Im Gegenteil. Wer mit Kamera, i- oder Smartphone Berge besteigt, um Seen herum wandert  oder in attraktive Städte reist, sorgt auch im übertragenen Sinne für schöne Bilder.

In früheren Zeiten beklagte man sich darüber, dass junge Leute lieber zu sogenannten Party-Inseln wie Mallorca oder Ibiza reisten, statt im Chiemgau oder in Oberbayern Ferien zu machen. Heute sind sie wieder da. Nicht um aus Naturschutzgebieten ein allumfassendes „Abenteuerland“ zu machen.

Aus Wäldern, Moorgebieten, Seenlandschaften oder Bergen „Ballermänner“.

Sie möchten in ihrer Freizeit einfach nur draußen sein. Aktiv Natur erleben.

Darüber schreiben sie. Und machen Bilder. In Outdoor-, Reise- oder Wanderblogs. Nutzen Plattformen wie Instagram, Facebook oder YouTube.

Was tun wir? Anstatt uns darüber zu freuen, brandmarken wir sie mit ebenso falschen wie unklugen Wortschöpfungen wie „Instagram-Pilger“.

„Deutschland einig Jammerland“ bleibt sich in dieser Hinsicht bedauerlicherweise mal wieder treu. 

Lassen wir uns von den ewig Gestrigen nicht die Stimmung verderben.

Zitieren wir in versöhnlicher Absicht noch mal Thomas Schwarzenberger, den Bürgermeister der Gemeinde Krün, der auf seiner persönlichen Homepage gesteht, dass er zwischen digitaler Gesellschaft und den Freunden von Brauchtum und Tradition keinen erkennbaren Widerspruch sieht:

„Ich mag die verschiedenen Dialekte und sehe „Laptop und Lederhose“ nicht nur als Slogan, sondern als Tatsache. Kein Land steht für die Verbindung zwischen Tradition und Fortschritt wie Bayern.“

Hintergrund:

Den Spruch von „Laptop und Lederhose“ soll der damalige Bundespräsident Roman Herzog 1999 auf der CeBit in Hannover salonfähig gemacht haben. Allerdings sprach er damals nicht von „Laptop und Lederhose“, sondern, so viel Zeit fürs Detail muss sein, von „Lederhose und Laptop“.

...danke für's WeitersagenTwitterFacebookPinterestWhatsAppEmail
Von
Knut Kuckel
Meine Meinung

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