17. Januar 2019
Murnauer Moos am Nordrand der bayerischen Alpen, Foto: Knut Kuckel/#tirolbayern
Murnauer Moos am Nordrand der bayerischen Alpen, Foto: Knut Kuckel/#tirolbayern

Das Murnauer Moos – mehr als nur „Ein Stück übriggebliebene Natur“

„Viele, die vom Murnauer Höhenrücken aus hinunterblicken, halten das Murnauer Moos für ein Stück »übriggebliebene Natur«, welches seit Jahrtausenden »einfach so da liegt«“, schreibt Peter Strohwasser im Vorwort seines Buches „Das Murnauer Moos“.

„Wie sehr dieser besondere Anblick aber auch mit der Nutzung durch den Menschen zu tun hat und nicht zuletzt mit intensiven Naturschutzbemühungen“,  so Strohwasser, „ist nur wenigen bewusst.“

Trotz Gesteins- und Torfabbau, landwirtschaftlichen Veränderungen und anderen Nutzungsansprüchen blieb das Murnauer Moos bis heute eine sehr naturnahe Kulturlandschaft. „Das verdanken wir dem jahrzehntelangen Engagement der Bauern vor Ort, dem Naturschutz in Ehrenamt und in den zuständigen Behörden und nicht zuletzt den Naturgewalten“, meint Peter Strohwasser.

Eine namhafte Vorkämpferin für den Schutz der Natur war auch – neben anderen – die Botanikerin Ingeborg Haeckel aus Murnau am Staffelsee.

Die Streiter für den Naturschutz waren gemeinsam erfolgreich. Ihr sicherlich größter Erfolg war der Stopp des Torf- und Sandsteinabbaus im Moor. Verhindert werden konnte auch eine Müllverbrennungsanlage.

Wenn man so will, waren die frühen Erfolge auch der Einstieg in den geförderten Naturschutz. Ein Großprojekt, das benachbarte Gebiete wie das Ostermoos, die Loisach- und Staffelseemoore mit einbezog.

Für die Bauern der Region war das Moor schon immer sehr arbeitsintensiv. Die weniger nassen Bereiche konnten als Streuwiese, Viehweide und/oder Futterwiesen genutzt werden. Die Waldbewirtschaftung warf aus heutiger Sicht nur bescheidene Erträge ab.

In der jahrhundertelang geführten Auseinandersetzung des Menschen mit dem Moor, setzte sich schließlich Sachverstand und Naturliebe durch.

Zu den bekannten Sachverständigen gehört heute der studierte Landespfleger Peter Strohwasser, der 2018 mit seinem Buch „Das Murnauer Moos“ auf rund 400 Seiten über „2000 Jahre Nutzungsgeschichte und 100 Jahre Naturschutz im größten lebenden Moor des Alpenraumes“ das umfangreichste Lesebuch und Nachschlagewerk über so eine Moorlandschaft vorlegt, das es zurzeit gibt.

Strohwasser (Jahrgang 1958) arbeitet seit 1984 in der „Unteren Naturschutzbehörde“ am Landratsamt Garmisch-Partenkirchen, die er seit 1996 leitet.

Neben seiner Naturschutztätigkeit betreibt Peter Strohwasser eine kleine Landwirtschaft und engagiert sich seit über 20 Jahren in einer Weidegemeinschaft für Ziegen und Schafe.

Strohwasser schreibt im Vorwort: „Ein ganzes Buch nur über ein Moorgebiet? Irgendwie hat ja jeder Ort seine Vergangenheit, aber was bitte soll an diesem nassen, unwirtlichen und menschenleeren Gebiet so interessant sein, dass man ein ganzes Buch mit lesenswerten Geschichten füllen könnte?“

Peter Strohwasser, Das Murnauer Moos – 2000 Jahre Nutzungsgeschichte und 100 Jahre Naturschutz im größten lebenden Moor des Alpenraumes, 2018, Allitera Verlag, München, Foto: Knut Kuckel/#tirolbayern

Die #tirolbayern-Redaktion hat das Buch von Peter Strohwasser gelesen. Wir finden, dass er in bemerkenswerter Weise lesenswerte Geschichten untergebracht hat, die auch Einheimischen noch manch Neues erzählen. Man lernt sehr viel über seine unmittelbare Heimat. Es eröffnen sich nicht zuletzt neue und aufschlussreiche Sichtweisen. Von der Entstehung in prähistorischen Zeiten, über erste Nutzungen im Mittelalter, bis hin ins 19. Jahrhundert.

Aus heutiger Sicht spannend ist das im Buch so ausführlich beschriebene Murnauer Moos „Auf dem Weg zum Naturschutzgebiet“ in den frühen 1930er Jahren, bis zur „Zeitenwende in den 1970er Jahren“. 

Welchen Einfluss hatten die Bauern auf die Entwicklung zum Naturschutzgebiet heutiger Prägung? Wie bewältigte man die „Modernen Zeiten im Moos: Müllberge, Autobahn, Flugplatz und weitere Eingriffe“?

Wer im Moos-Umfeld lebt und Wissenswertes über seine Heimat erfahren möchte, sollte sich mit Peter Strohwassers Buch  „Das Murnauer Moos“ intensiv beschäftigen. Vielleicht auch das ein oder andere Gespräch mit noch lebenden Zeitzeugen der Region suchen? Wir versprechen Ihnen, Sie betrachten in der Folge das Murnauer Moos aus neuem Blickwinkel.

Landschaftsstrukturen haben sich verändert. Das zeigen die Flurkarten von 1810 bis 1812 und in besonderer Weise Luftbildaufnahmen von 1945 bis 2015. In einem Szenario wird die Entwicklung der Moorlandschaften bis 2050 entworfen.

Unter der Voraussetzung, die „Bewirtschaftung bleibt beim Stand 2015“, schreibt dazu Peter Strohwasser: „Von den umgebenden Anhöhen aus werden künftige Generationen – überspitzt gesagt – im Jahr 2050 ohne weitergehende Pflegemaßnahmen auf einen großen Wald und einige grüne Wiesen blicken.“

Das Murnauer Moos repräsentiert fast das gesamte Spektrum an naturraumtypischen Moorbiotopen und mit 1000 Arten an Blütenpflanzen, Farnen und Moosen kommt etwa ein Drittel der in Bayern heimischen Flora vor. Die Zahl an Tierarten wird auf über 4000 geschätzt. Viele der Arten sind bundesweit vom Aussterben bedroht.

Drei Tage durchstreiften wir eine in Mitteleuropa wohl einmalige Moorlandschaft. Wollten dabei herausfinden, was es mit dem „Mythos Murnauer Moos“ auf sich hat. Begleitet von einem ortskundigen Ohlstädter, der uns durch Hoch- und Niedermoore führte, vorbei an Seen, Bächen, Auen, Moränenhügeln und Felsenbergen.

Eingerahmt durch das Heimgartengebiet und Estergebirge im Osten, das Wetterstein-Gebirge im Süden und die Ammergauer Berge im Westen, breitet sich hier das größte zusammenhängende intakte Alpenrandmoor Mitteleuropas vor uns aus.

Mit Blick auf diese Gebirgslandschaften rund um das Murnauer Moos, erzählt unser Tourbegleiter, es sei der starke Landschaftseindruck, der ihn so anziehe. Zitat: „Das weite offene Land, umgeben von Bergen. Die Wälder und Seen – eben das Gegensätzliche beeindruckt mich schon, so lange ich denken kann.“

Der Greifswalder Biologe und Agrarwissenschaftler Michael Succow schreibt Vergleichbares zum Geleit in das Buch von Peter Strohwasser: „Das Murnauer Moos gehört zu den großartigsten Moorlandschaften Deutschlands, ja ganz Europas. Eingebettet in die Kulisse des nördlichen Alpenlandes, ist es von atemberaubender Schönheit und ungewöhnlicher Vielfalt.“

Succow profilierte sich international insbesondere als Moor-Ökologe. Seine ökologisch-hydrologische Moortypisierung gilt heute als Standardwerk der Moorkunde.

Michael Succow zum Murnauer Moos: „Schon früh zog diese Moorlandschaft Künstler und Wissenschaftler in ihren Bann, die hier das Wunder Natur erleben wollten und sich auch für ihren Schutz einsetzten. Heute sind es vor allem Touristen, die diese Landschaft aufsuchen und als Sehnsuchtsort empfinden. Kann es etwas Schöneres geben?!“

#tirolbayern empfiehlt allen Interessierten den Rundweg durchs Murnauer Moos. Die Wanderung über den Moosrundweg geht auf gut zwölf Kilometern durch das Murnauer Moos und eignet sich zu jeder Jahreszeit. Der Rundweg führt vom Hochmoor „Langer Filz“ über artenreiche Streuwiesen zum ehrwürdigen Ramsachkircherl, dem „Ähndl“ (St. Georgs-Kirche).

Neben dem Moosrundweg gibt es übrigens noch andere lohnende Wege durchs Moor. Der Landkreis Garmisch-Partenkirchen hat dazu eine naturkundliche Wanderkarte für das Murnauer Moos herausgebracht.

Naturschutzgebiet „Murnauer Moos“. Foto: Knut Kuckel/#tirolbayern

Die Moorlandschaft „Murnauer Moos“ ist ein Naturschutzgebiet. Wanderer sollten deshalb ausschließlich den ausgezeichneten Moos-Rundweg nehmen.

Ein zwölf Kilometer langer Rundweg beginnt gleich hinter Murnau an der Ramsachkirche (St. Georg). Die älteste Kirche der Gegend wird auch „Ähndl“ genannt, was „die Alte“ bedeutet. Die Ramsachkirche liegt am Nordrand des Murnauer Mooses und wurde im 8. Jahrhundert erbaut. Der Moosrundweg führt entlang der Bäche Ramsach und Lindach, um dann auf einen Bohlensteig durch ein Hochmoor abzuzweigen. Über Westried geht es über einen Höhenrücken zurück zum „Ähndl“. Das frühere Mesnerhaus ist seit 1930 eine Ausflugsgaststätte. Bis etwa 1970 war der Wirt auch der Mesner der Kirche.

Steinbrüche, Entwässerungsgräben und Torfabbau setzten dem Murnauer Moos in der Vergangenheit schwer zu. Inzwischen ist es größtenteils ein Naturschutzgebiet. So kann es weiterhin einer Vielzahl gefährdeter Tiere und Pflanzen Zuflucht bieten.

Rückblick: Das Hartsteinwerk Werdenfels war ein Steinbruch am Langen Köchel im Murnauer Moos, bei Eschenlohe, nördlich des Werdenfelser Landes. Das 1930 gegründete Unternehmen war zeitweise der wichtigste Lieferant von Bahn- und Straßenschotter in Südbayern. Das Hartgestein wurde unter dem Handelsnamen Glaukoquarzit vermarktet. Nachdem das umliegende Murnauer Moos bereits 1980 zum Naturschutzgebiet erklärt worden war und 1994 jede Erschließung neuer Abbaufelder endgültig gerichtlich scheiterte, wurde die Produktion nach 70 Jahren, im Jahr 2000 eingestellt.

Nach Schließung des Betriebs gab es Forderungen, Teilstücke der Seilbahn und den 1953 erbauten, 300 Plätze fassenden Speisesaal des Werks als Industriedenkmäler zu erhalten, beides wurde aber nicht realisiert und der Rückbau sollte komplett umgesetzt werden.

Aufgrund einer Population nistender Fledermäuse, die in der ehemaligen Kantine gesehen wurden, ließ man ein Teil des Gebäudes stehen. In dem übrig gebliebenen, (einsturzgefährdeten) Gebäudeteil ziehen rund 200 Bartfledermäuse ihre Jungen auf. Sie ernähren sich ausschließlich von Insekten.

Die Kerngebiete des Moors wurden durch Schließen von Gräben renaturiert. Sie sind nun sich selbst überlassen. Die meist randlich gelegenen Streuwiesen werden durch extensive Nutzung vor Verbuschung bewahrt, um ihren Artenreichtum zu erhalten.

Das Murnauer Moos war von 1992 bis 2003 Schauplatz eines der größten Naturschutzprojekte der Bundesrepublik Deutschland. Unter der Leitung des Landratsamtes Garmisch-Partenkirchen wurden in zwölf Jahren etwa 15 Millionen Euro investiert, um Flächen anzukaufen, die Voraussetzungen für eine naturnahe Entwicklung oder extensive Nutzung wiederherzustellen und Pflegemaßnahmen durchzuführen.

Die Finanzierung stammte zu 75 % von der Bundesrepublik Deutschland über das Bundesamt für Naturschutz, nachdem das Murnauer Moos als Naturraum von gesamtstaatlicher Bedeutung eingestuft worden war.

Nicht geheilt werden konnten die schweren Beeinträchtigungen des Wasserhaushaltes durch den Bau der Autobahn A95 in den 70er Jahren und der anschließenden Entwässerungen durch die Flurbereinigung.

Für den Naturschutz kommt es darauf an, in diesem Gebiet die richtige Balance zwischen extensiver Nutzung und Offenhaltung auf der einen Seite und natürlicher unbeeinflusster Entwicklung auf der anderen Seite zu finden.

Hintergrundwissen „Murnauer Moos“

Das Gebiet stellt mit 4500 Hektar (das sind 45 Quadratkilometer) den flächenmäßig größten und qualitativ bedeutendsten Moorkomplex Mitteleuropas einschließlich der Alpen dar. Hier verbinden sich großflächig Streuwiesen, Nieder- und Übergangsmoore, Quelltrichter, Altwasser und Restseen mit voll ausgebildeten Hochmooren zu einem Komplex von Lebensräumen mit vielen seltenen und gefährdeten Tieren und Pflanzen.

Zu den bundesweit gefährdeten Arten zählen u.a. Herbst-Wendelorchis, Wanzen-Knabenkraut, Glanzorchis, Sibirische Schwertlilie, Karlszepter, Torf-Segge, Zierliches Wollgras, Moor-Binse, Moor-Steinbrech, Heidelbeer-Weide, Niedrige Birke, Wachtelkönig, Weißrückenspecht, Raubwürger und Kreuzotter.

Ziel des Projektes ist es, die Gesamtheit der natürlichen oder naturnahen Lebensräume insbesondere die Feuchtgebiete, Magerrasen, Moorwälder und die Wälder der sog. Köchel großflächig und dauerhaft zu sichern und gemäß den Vorgaben des Naturschutzes zu entwickeln.

#tirolbayern bedankt sich bei Peter Strohwasser sehr herzlich für das Gegenlesen unseres Beitrags zum „Murnauer Moos“ und den ein oder anderen inhaltlichen Korrekturvorschlag.

In Vorbereitung ist noch in diesem Monat ein Gespräch mit Peter Strohwasser zum aktuellen Stand der Entwicklungen.

Sehenswert:

Quelle: BR24, Bericht von: Julia Schlegel, Abendschau, 26.04.2017

Weblink:
Wanderung – Moos-Rundweg / Das Blaue Land

Quellen:

Fotos: Knut Kuckel/#tirolbayern

Hinweis:
Die Bilder für diesen Beitrag wurden zwischen Ende Oktober und Anfang Dezember 2018 fotografiert. Die meisten Fotos haben wir mit der Canon EOS 6D Mark II aufgenommen, einen Teil aber auch mit dem Samsung Galaxy S8+. Das erklärt die abweichenden Formate und Qualitätsunterschiede.

Knut Kuckel

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